Das Wunder des Location Scouting

Mehr Artikel über das “Terminated”-Filmprojekt hier: Terminated Archiv

“Location Scouting” ist der gängige Term in LA wenn es sich um Drehplatzsuche für Filme handelt. Es gibt oftmals einen Location Scout – jemanden, der in der Vorproduktionsperiode herumfährt und verschiedene Drehplätze auskundschaftet etc. – und am Set gibt es dann entweder eine seperate Person die den “Location Manager” bekleidet – oder der Scout ist gleichzeitig diese Position. Der Location Manager kümmert sich um Versorgungsstrecken, Logistik rund um den Drehort, Filmgenehmigungen und Parkplätze für Personenwagen und grosse Trucks (in grossen Produktionen belaufen sich die Parkplatzkosten oftmals um die 15.000$ pro Tag).

Dustin’s Inspiration

Im  Filmclub – zu dem ich jetzt regelmässig 20 Minuten zu spät komme, entweder weil ich verschlafe oder etwas für das Student Government zu tun habe – spricht Dustin eine seiner Entdeckungen aus: Locoscout.com. Hierbei handelt es sich um eine Tochterseite der bekannten FilmLA, Inc (diese Not-for-Profit-Firma kümmert sich um Filmgenehmigungen in 90% der Städe/Gemeinden innerhalb LA), auf der man verschiedene Gebäude (Schulen, Polizeibüros, Feuerwehrposten, Verwaltungsgebäude) finden kann, die vom Staat besessen werden und Filmcrews ihre Tore für eine 0$- oder sehr billige Gebühr die Pforten öffnen.

Als Filmstudent ist einem FilmLA und die generelle Idee der Genehmigungen verhasst und ein unnötiger Hokuspokus; rein legal gesehen müsste man sogar eine Genehmigung einholen, wenn man in seinem eigenen Apartment filmen wollte.

Locoscout - die Location Scouting Website von Film L.A., die sich auf "Public Property" spezialisiert.

Locoscout - die Location Scouting Website von Film L.A., die sich auf "Public Property" spezialisiert.

Wozu Filmgenehmigungen, kann man nicht einfach alles “rogue” oder “Guerilla-Style” schiessen?

Kann man theoretisch. Wenn ich mit Hiroki und einem Schauspieler (und sonst niemandem) gemeinsam einen Film in meinem Apartment drehen will, schere ich mich natürlich nicht um Filmgenehmigungen. Wenn wir mit zwölf Freunden gemeinsam “zwischendurch” einen Studentenfilm auf einem Parkplatz drehen, dann ist das auch nicht wirklich ein Grund, zu den Büros von FilmLA zu rennen.

Wenn man nun aber einen Studentenfilm mit drei professionellen Schauspielern, zehn Crewleuten und zehn Extras dreht, oder etwa eine Fernsehserie wie “Entourage” bei der manchmal 250 Extras und 50 Crewleute anwesend sind, dann ist eine Fimgenehmigung unerlässlich. Das Problem sind nämlich Raunzer, Sicherheitsbedachte und Neugierige oder auch die Staatsgewalt selbst – bekommt irgendjemand Wind davon, dass ein paar Rowdies einen Film drehen wollen, können diese Jemands nämlich ganz gemütlich die Polizei rufen – und gibt es keine Filmerlaubnis, dann wird das Filmset von der Exekutive freundlich gefragt, sich aufzulösen.

Ich habe allerlei Geschichten gehört, die von wütenden Cops bis hin zu ganz lieben, hilfsbereiten Polizisten reichen – aber welche Geschichte auch immer, abgesehen von einer Gnaden-Halben-Stunde ist das Set für den Tag aufgelöst. Das kann teuer werden (gemietetes Equipment, gemietete Location, Parkplatzgebühren etc.), Zeit kosten und ist verhinderbar mühsam.

Faustregel: Je grösser das Set, desto grösser die Nötigkeit einer Filmgenehmigung.

0$ Gebühr? Dann aber bitte in Downtown.

Nachdem ich das Skript vollendet habe (ich erinnere mich nicht an die genaue Arbeitszeit, es waren nur wenige Stunden), fehlt mir ein Bürogebäude. Ich überlege mir kurz, ob es etwas auf dem SMC Campus gibt, das meinen Drehbuch-Bedarf deckt … das Wunschgebäude muss folgende Rahmenbedingungen treffen:

  1. Chefbüro
  2. Aufzug
  3. Lobby
  4. Busstation in unmittelbarer (30sec Fussweg) Nähe

Es gibt durchaus ein paar Gebäude, die Büros haben, aber alle sehen doch irgendwie wie ein College und nicht wie ein multinationaler Konzern aus – und die Hauptfigur meiner Geschichte, so stelle ich es mir einfach vor, muss in einem grossen Konzern arbeiten, um die Geschichte für uns relevant zu machen. Speziell die Aussenfassaden von den SMC-Gebäuden die an die Strasse grenzen sind einfach nicht wirklich urban und schön anzusehen. Der AET Campus (an dem unsere Fortgeschrittene Filmproduktionsklasse wie auch Drehbuchschreiben und Filmproduktion unterrichtet werden) ist nur zwei Stockwerke hoch, und das sieht dann auch irgendwie lahm aus.
Ich brauche Stadt … Innenstadt … Downtown LA.

Also gehe ich auf Locoscout nach einem Gebäude suchen – und prompt finde ich ein paar. Nach ein paar hins und hers, und ein paar Rundrufen stelle ich fest, dass das Public Works Building wohl am Besten geeignet wäre. Yonatan, mein Produzent, kümmert sich in der Zwischenzeit auch schon um seinen Film “The Price of Air” (in dem er Regie und ich Kamera führen werde) und wir machen ab, die Location gemeinsam zu ergattern. Er, als Produzent, ruft dort an und ihm wird erklärt, dass das Gebäude wahrscheinlich nicht zur Verfügung stehen wird. Telefon-Zurückweisungen sind was für Weicheier…

Fritzi Filmemacher und ein paar besoffene Fritzis davor

So sieht das Gebäude von weiter weg aus, ziemlich cool

So sieht das Gebäude von weiter weg aus, ziemlich cool

Liebe auf den ersten Blick, das ist perfekt für meinen Film!

Liebe auf den ersten Blick, das ist perfekt für meinen Film!

Yonatan treffen um etwa 8:40 morgens bei dem Gebäude ein, parken auf einem nahegelegenen Billigparkplatz, richten unsere Krawatten zurecht und betreten den reflektierenden Marmorboden des Public Work Buildings. Für heute haben wir uns ganz fein in Schale geworfen, auf dass uns die Götter wohlgesonnen sind. Der Boden ist Marmor, die Eingangsfront Glas, die  Wände dunkles, relfektierendes Holz.  Die Aufzugslobby hat eine 80er-Jahre-Uhr, zwei grosse Rolltreppen summen in einer X-Form hinter dem Rezeptionstisch. Die Lobby ist PERFEKT! Tausendmal so geil wie ich es mir vorgestellt habe!

Der Aufzugsbereich - wie in einem Film. Absoluter visueller Orgasmus!

Der Aufzugsbereich - wie in einem Film. Absoluter visueller Orgasmus!

Der Lobbybereich in Übersicht

Der Lobbybereich in Übersicht

Die Rezeption, so edel

Die Rezeption, so edel

Wir bekommen Namensschilder an der Security-Rezeption und werden dem Mann am Telefon vorgestellt. Edgar empfängt uns freundlich und gibt sich als Filmliasion des Gebäudes zu erkennen. Ein Filmliasion ist ein “normaler” Beschäftigter im Gebäude, der (meistens) die ehrenamtliche / auf Abruf-Position des Filmbeauftragten bekleidet. Er ist der erste und letzte Ansprechpartner, wenn es um Filmunternehmen geht. Ganz egal ob NBC für eine Multimillionen-$-Serie anruft oder ein popeliger Fritz Filmemacher, der im SMC studiert … alle wenden sich an Edgar.

Wir treffen Edgar. Grosser Latino mit Bart und sympathischem Gesicht.

“Thanks so much for meeting us, it’s a really beautiful building. We want to shoot our two movies “Terminated” and “The Price of Air” in an office building, and the Public Works Building would be perfect for this”, beginnen wir.

“That’s good. We can offer you to shoot in the lobby as long as you have insurance.”

Halt mal – die Lobby ist zwar ultrageil, aber … wir brauchen vor allem den Büroraum, den wir online gesehen haben. “I’m sorry, but we had filmcrews in the past that left the place in a bad condition and filmed in parts of the building that they weren’t allowed  in. We can’t offer the office spaces any more, it was just too big of a hassle.”

“But we’re a small student film, small crew, …”
“That’s great, but even smaller crews made problems in the past, so we decided to not allow filming any more upstairs.”

Eine halbe Stunde später:
“We’d really need an office space for our film. Like, in my film a guy gets fired…”
“Okay, see, I could offer you this conference room here on the lobby level, let me show it to you.”

Der "Konferenzraum"  - naja... im Bild sind ich und der Filmliasion des Gebäudes

Der "Konferenzraum" - naja... im Bild sind ich und der Filmliasion des Gebäudes

Edgar zeigt uns einen Konferenzraum – zwar nett von ihm, leider aber überhaupt nicht wie ich es mir vorgestellt habe.

“Okay, thank you, we will look around a bit more the next few days and see if there’s a building with an office space.”, sage ich. “Is it good if I contact you in the next few days…?”
“Yes, that’s fine. I hope you guys can find something. At least, you can use our lobby.”

Aber für meinen Film brauche ich EINE Location, denn der Film soll ja in EINEM durchgehenden Shot funktionieren. Ach, hätten wir duch nur besser verhandelt, dann…

FORTSETZUNG FOLGT HIER

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.