Location-Durchbruch im Public Works Building

Mehr Artikel über das “Terminated”-Filmprojekt hier: Terminated Archiv

Fortsetzung von Das Wunder des Location Scouting.

“Let Me Show You What’s Available”

… hätten wir besser verhandelt, dann wäre die Geschichte anders gelaufen. Verflucht! Die Lobby bietet er uns zwar an, aber ohne die Büros oben kann ich die Location nicht benutzen.

“Well, that would be great for any other film, but see, not in my film, because my film is one continuous shot. There’s a man who we see sitting on a bus bench, everything is moving backwards and …”, sage ich.

Und dann erzähle ich Edgar die Geschichte meines Films, warum er eben in einem durchgehenden Shot sein sollte, was die Moral des Films ist und was der Zuseher fühlen wird, wenn er den Film sieht.

“… and so we learn that even in the most devastating moments, when someone else has hurt you more than you have ever been hurt, that you should always be there to help the other person.”

Edgar sieht mich an. Stille. Wir reden jetzt schon seit fast einer Stunde über diese Location. Ich sehe ihn an. Er holt Luft.
“Let me show you what’s available.”
Das ist der Moment, an dem sich alles ändert, an dem der Film von einem Studentenfilm zu etwas ganz anderem wird, ich weiss es schon. Yonathan und ich werfen uns “I can’t believe it dude”-Blicke zu, während wir total aufgeregt hinter Edgar herwatscheln, in den Aufzug steigen und im 5. Stock ankommen. Wir gehen einen langen, orangen Gang entlang, und dann öffnet Edgar eine grosse Tür und wir betreten das Grossraumbüro. Grossraum ist noch untertrieben, ich sehe Cubicles (Bürozellen) bis zum Horizont. Eine Reihe Cubicles nach der anderen. Auf gewissen Türen hängen Schilder wie “Crime Investigation Unit” und “Law Enforcement Management”, also dürften diese Räumlichkeiten wohl ehemals eine Art Polizeizentrale gewesen sein.

“Do you have an office room for the boss in our films?” – “Yeah, there are two offices, let me show you…

Der Moment des Glücks: Hier bietet mir Edgar gerade nach einer Stunde Verhandlungen an, das 5. Stockwerk zu besichtigen. Foto: Yonatan Mallinger.

Der Moment des Glücks: Hier bietet mir Edgar gerade nach einer Stunde Verhandlungen an, das 5. Stockwerk zu besichtigen. Foto: Yonatan Mallinger.

"Let me show you what's available." Foto: Yonatan Mallinger.

"Let me show you what's available." Foto: Yonatan Mallinger.

Bürozellen bis zum Nebel des Horizonts - sowas gibts nur in Filmen. Foto: Yonatan Mallinger.

Bürozellen bis zum Nebel des Horizonts - sowas gibts nur in Filmen. Foto: Yonatan Mallinger.

Das erste Büro, das uns gezeigt wird - liegt geographisch nicht wirklich optimal und wirkt zu verspielt. Aber hey, ich bin aufgeregt wie ein Schweinderl im Stripclub. Foto: Yonatan Mallinger.

Das erste Büro, das uns gezeigt wird - liegt geographisch nicht wirklich optimal und wirkt zu verspielt. Aber hey, ich bin aufgeregt wie ein Schweinderl im Stripclub. Foto: Yonatan Mallinger.

Das erste Chefbüro ist orange und hat blau getönte Fenster, ein bisschen wild für den Charakter von Mr. Wilson, der ein sehr ernster und professioneller Mann mit diplomatischem Mitgefühl werden soll. Das zweite Büro ist nicht nur perfekt, es hat auch einen Mordsausblick. Der Wahnsinn – Downtown zum Greifen nahe. Ich schwebe durch das Büro, komplett hin und weg, total fasziniert, überschwänglich. Wir diskutieren die Details, und zu meiner grossen Überraschung erwähnt Edgar, dass er uns mag und wir wahrscheinlich keine Babysitter brauchen – Aufsichtspersonen, die etwa 60$ pro Stunde kosten und von den Prämissen angestelltz werden, um aufzupassen dass das Filmteam keinen Scheiss baut.

Das Büro des Chefs - hier wird Terminated gedreht werden. Das einzige Problem wird schon sofort bekannt: Das Büro ist vergleichsweise dunkel, und Downtown ist sehr hell...

Das Büro des Chefs - hier wird Terminated gedreht werden. Das einzige Problem wird schon sofort bekannt: Das Büro ist vergleichsweise dunkel, und Downtown ist sehr hell...

Ausblick aus dem Chefbüro ... darf ich vorstellen: Downtown LA.

Ausblick aus dem Chefbüro ... darf ich vorstellen: Downtown LA.

Sprich, Gesamtkosten für das Filmen in diesem Gebäude: 0$. Hammergeil. Als wir das Büro verlassen und tschüss zu Edgar sagen, können wir immer noch nicht fassen, dass wir “The Price of Air” (Yonatan’s Film) und “Terminated” (mein Film) hier schiessen werden, und unseren Klassenkollegen wahrscheinlich Kilometerweit voraus sein werden, in Sachen Location. Kaum sind wir draussen aus dem Gebäude, erinnere ich mich, dass mein Auto in einer 1-Stunden-Zone geparkt ist und meine Parkuhr ausgelaufen ist. Wir sprinten durch eine Menge verdutzt schauender Mexikanischer Automechaniker und – tadaaaa, das Auto ist ohne Strafzettel. Kaum fahren wir, parke ich den Wagen schon wieder, Grund: Yonatan und ich sind wie verrückt am Telefon und ich rufe Lorena und Hiroki total aufgeregt an – mein Film ist ins Laufen gebracht!

Am selben Tag haben wir noch unsere Filmproduktionsklasse, und mit allergrösster Überwindung – ich bin Exhibitionist, wenn es um Kunst geht – lassen wir uns nichts anmerken.

Nebenbei Polizei

Nebenbei, das habe ich im vorhergehenden Post vergessen zu erwähnen:
Bevor wir noch beim Public Works Building ankamen, machte einen illegalen U-Turn (eine Kehrtwendung auf der Strasse) in Downtown, und prompt hörte ich das gefürchtete “Beep-Booeeeuuh” und die dazugehörigen blau-roten Blitze. Ich fuhr rechts ran, der Polizeibeamte tritt ans Fenster, ich scheisse mir in die Hose. “Drivers License, Registration and Insurance please”, meinte er. Ich gab ihm gerade mal meinen österreichischen Führerschein und hatte so viel Angst, dass meine Entschuldigungen sogar echt klangen. Nachdem er meine Österreicherschaft begutachtete und mir aufbreitete, dass ich mein Visum mithaben müsste, ebenso meinen Reisepass (was für ein Schwachsinn), liess er mich ohne irgendwas davonkommen – dachte wohl, ich wäre ein geistesgestörter Ausländer mit einem schwachen Gemüt. Gut, dass er nicht weiterbohrte – denn ich hatte weder die Wagenzulassung noch meine Versicherungspapiere mit mir, und hätte hunderte $$$ Strafe zahlen können.

Dieser Tag, das war Anfang November 2010, war einer der glücklichsten und Glück-vollsten Tage meines Lebens. Ein totaler Meilenstein.

Um ca. 8 Uhr Früh am Freeway - aufwachen durch Nasepopeln. Danke an Yonatan für dieses exquisite Bild.

Um ca. 8 Uhr Früh am Freeway - aufwachen durch Nasepopeln. Danke an Yonatan für dieses exquisite Bild.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.