Terminated, Tag 1: Cast & Crew Meeting (Vorbesprechung und Versammlung)

Mehr Artikel über das “Terminated”-Filmprojekt hier: Terminated Archiv

Der Tag ist gekommen, auf den ich mich so lange vorbereitet habe: Es ist der 3. Dezember 2010, ein Freitag wie jeder andere – bloss, dass dieses Wochenende nun schon seit ca. 1.5 Monaten als Drehtermin für meinen neeuen Kurzfilm “Terminated” vorgesehen ist, das wohl grösste Kunstprojekt, das ich bis dato in  Angriff genommen habe. Bei den 15+ Filmprojekten, an denen ich bisher in irgendeiner Rolle mitgewirkt habe, lernte ich einiges durch das Beobachten von dem, was geboten wurde – unter anderem lernte ich, was nicht geboten wurde.

Da dieser Film einiges für mich bedeutet – schliesslich ist er das weitreichendste und auch persönlichste Filmprojekt in meiner jungen Laufbahn – wollte ich das an Bord bringen, was ich auf anderen Filmsets als schwarzes Loch empfunden habe. Beispielsweise, dass man relativ unpersönlich über den Drehort und die Drehzeit informiert wird, und solange man nicht in bestimmten Schlüsselpositionen wie Regie, Kamera oder Produktionsdesign ist, sieht man die Locations meistens nicht, bevor man am Set landet; ähnlich wird man nicht in den Planungsprozess mit einbezogen wenn man “nur Lichter herumschleppt”, und kennt kaum Leute auf dem Set, ausser wenn es sich um ein Schulprojekt handelt – dort besteht die Crew grossteils aus Klassenkameraden.

Ich habe meine Inspirationen, unter anderem …vor ein paar Jahren war ich bei einem Making-Of-Event von Pixar (“Up” at the Gnomon School of Visual Effects). Einer der Zuschauer fragte, was das Erfolgsrezept von Pixar sei, was die Plots von Pixar so einzigartig macht – und jener Redner sagte damals:

“Because everyone is involved. Everyone attends the regular story meetings, and each department informs each other about their progress. Also, the story and its meaning is told to our departments over and over in these meetings, and even if you only design rocks, you still know what emotion is being communicated in this scene.”

… das hat mich beeindruckt, und jetzt bin ich an der Reihe, etwas Ähnliches für mein Team zu tun.

Bereits beim Erstellen des Zeitplans und dem Anheuern der Crewmitglieder kündigte ich an, dass sie sich Freitag, Samstag und Sonntag freinehmen müssen, doch nur Samstag und Sonntag sind tatsächliche Drehtage – am Freitag gibt es stattdessen ein verpflichtendes Meeting für alle, die involviert sind – Schauspieler, Crew und Extras.

Die Vorbesprechung am Tag vor dem Dreh – man stellt sich vor

Ich stelle Cola, Wasser und verschiedene Chips zur Verfügung, und da ich keinen Raum reserviert habe, benutze ich einfach die Cayton Lounge direkt neben der Studentenregierung (Associated Students). In meinem Battleplan habe ich bereits eine Agenda-Liste festgelegt:

  1. Mingling for 30min (Gemütliches Beisammensein)
  2. What the story of the movie is (Story des Films in Filmordnung)
  3. Where we will shoot (Drehortbesprechung)
  4. The actual shooting script (Story und Bewegungen des Films in Drehordnung und Drehzeit)
  5. Who will do what (Die Beteiligten stellen sich vor)
  6. What the challenges of shooting will be (Gefahren / mögliche Hindernisse / unerlaubte Szenen bzw. Szenen ohne Drehgenehmigungen)
  7. Rehearse Bus Ride, Bus Stop, last scene (Gemeinsame Kamera- und Aufstellungsprobe [Rehearsal for Camera, Blocking])

Um etwa drei Uhr zehn nachmittags (zehn Minuten zu spät) treffe ich keuchend – wie immer bin ich verspätet und schleppe etwas im Laufen – in der Cayton Lounge ein. Das Wasser habe ich im nahestehenden 99c-Store besorgt, für 59c pro Flasche – typisch Amerika, Plastikflaschenwasser. Bruce, Darrel, Heidi, Yonatan, Hiroki und der Grossteil der Crew sind bereits anwesend. Was fehlt, ist Ferdl, der Produktionsdesigner von “Terminated” und meine Mitbewohnerin Kaila – die beiden sind in Downtown bei der L.A. Opera und laden zeitgleich mit unserem Meeting gemeinsam mit James (der Requisitenmanager von der LA Opera) Requisiten von der Oper in ihre Autos und transportieren sie zum Public Works Building – damit alles für morgen bereitsteht.

Alle am Tisch stellen sich vor und sprechen kurz über ihre Rolle in “Terminated” – und wie wir Kollegen diejenige Person am Set unterstützen können. So lernt die Crew ein paar der Namen, und morgen werden sich Bekannte, nicht Fremde, treffen. Auch die Extras stellen sich vor, und die Schauspieler sprechen über ihre Rollen; damit versuche ich, dieses unsichtbare Band, das zwischen Crew und Schauspieler gelegt ist (die Techniker VS. die Ausdruckskünstler) gespannt ist, zu entfernen: Jeder wird morgen und übermorgen eine wichtige Aufgabe haben, und nur gemeinsam kann der Film getragen werden.

Regietransparenz bzw. Einweihung in die Story & Gleichstellung im Filmteam

Sogar ein paar der Extras sind aufgetaucht, obwohl ihre Rolle am Film oftmals unterschätzt wird – grossartig, denn die Extras müssen extrem diszipliniert sein, sonst wird “Terminated” wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Wir sitzen nun auf einem Konglomerat von zusammengerückten Tischen, schön im Kreis – Gleichstellung ist für mich die zweitwichtigste Priorität, gleich nach Regietransparenz / Einweihung in die Story. Ich halte wenig von einer strengen Hierarchie im allgemeinen Leben, so auch am Filmset – meiner Theorie nach benötigt man keine strenge Hierarchie, wenn man einfach nett zueinander ist und mit talentierten Menschen zusammenarbeitet – bewundere ich den Regisseur für sein Können und mag ihn als Person, so werde ich seinen Wünschen folgen und mich für den Film engagieren; dafür braucht es keine Autoritätsbeziehung oder hierarchische Herrschaftsordnung. Ich möchte mich als Regisseur von Terminated gerne mit den “einfachen” PAs (Production Assistants) und Extras (Hintergrunddarsteller) gleichstellen, den Film mehr in Freundschaft als in forciertem Respekt drehen.

Als Regisseur möchte ich transparent sein, und meine Filmmitglieder in die Story einweihen. Sprich, ihnen die Geschichte des Films erklären, und warum bzw. was ich für den Film und dessen emotionalen Inhalt geplant habe. Diese Weltanschauung ist ein Resultat aus Tipps, die ich aus verschiedenen Filmlektüren aufgesogen habe, und meinem Lernen aus Erfahrung auf verschiedenen Filmsets.

Die Geschichte des Films und die umgekehrte Drehordnung desselben

Jetzt wird es interessant: Zwei Drittel des Films laufen rückwärts, also müssen diese jeweiligen Szenen in umgekehrter Ordnung gedreht werden. Ich erkläre dem Team also noch einmal die Story, gebe eine Nacherzählung des Drehbuchs, damit alle auf derselben Seite sind. Dann folgt der genaue Drehablauf – wann wir wo welche Szene schiessen werden, und welche Schauspieler was in welcher Szene zu welchem Zeitpunkt tun. Indem wir über diesen Ablauf sprechen, werden Fragen sofort beantwortet und tragen nicht zum Drehstress am Set bei.

Mir ist von Anfang an bewusst, dass mein Kopf schon rammelvoll mit den Vorstellungen für den Drehablauf ist – jetzt ist es meine Aufgabe, diese Vision in alle Mitwirkenden übergehen zu lassen, damit morgen jeder eine ziemlich genau Vorstellung von “Terminated” hat.

Blocking und Probe in imaginären Bussen, Strassen und Räumen mit Darrel, Bruce und Heidi – und der Crew

Ich kündige bereits früh an, dass wir ein paar schwierigen Umgebungen arbeiten werden, teilweise ohne Filmerlaubnis – einmal in einem öffentlichen Bus; da würden wir nie die Erlaubnis der Busgesellschaft bekommen, und einmal auf der Strasse, wo wir alle wegen Verkehr und schnellen Autos übervorsichtig sein müssen – gleichzeitig werden wir nur wenige Chancen bekommen, diese Szenen aufzunehmen – und wenigstens in einem Take muss die Szene klappen. Also bitte ich Hiroki, die 7D auf den Shoulder Mount zu montieren und die Proben mit der Kamera aufzunehmen… damit wird es nicht nur eine Schauspielprobe, sondern auch eine Technikprobe für die Kamera.

Ich rede kurz mit Darrel und Bruce, die mir beide vermitteln, sie würden die Szene gerne mit 30% Energie spielen. Das ist ein geläufiger Begriff im Film; eine Prozentzahl in Verbindung mit einer Schauspieldarbietung ist ein Indikator für die Intensität; und wie schon bei der Generalprobe gestern besprochen, wollen die beiden ihre Energien und Spontanität nicht verlieren. Damit haben die beiden, die emotional anstrengende Rollen spielen werden, am Dreh dann den schönen Überraschungseffekt für die anwesende Crew, was ich total unterstütze – Schauspielen muss einfach Spass machen.

Ein Teil des Teams trifft sich im Cayton Center des Santa Monica College auf ein letztes Abendmahl vor dem Sturm...

Ein Teil des Teams trifft sich im Cayton Center des Santa Monica College auf ein letztes Abendmahl vor dem Sturm...

Links vier tapfere Statisten, rechts der total aufgeregte Österreicher-Tobi.

Links vier tapfere Statisten, rechts der total aufgeregte Österreicher-Tobi.

Wir rücken die Tische in der Cayton Lounge beiseite und kreiren einen grossen, freien Platz. Mit jeweils zwei Stühlen simulieren wir die Türen eines Busses, mit vier weiteren Stühlen die Rückbank, die von ein paar Extras besetzt wird und dann geht es los: Darrel und Hiroki steigen zeitgleich in den Bus ein, Hiroki folgt Darrel, dieser spielt seine Szene durch, und beide steigen wieder aus. Wir gehen mehrmals durch die Szene, ich sehe mir die Aufnahme an, gebe Hiroki und Darrel Feedback zu ihren Bewegungen, Abstimmung und Geschwindigkeit. Nach ein paar Takes passt die Szene – Moving On.

Wir drehen die Strassenszene, wo ich alle verfügbaren Extras zur Probe brauche. Mikel, der Stuntman aus Deutschland, taucht auf und hilft mir bei der Koordination des Stunts, den wir Sonntags drehen werden. Diesmal spiele ich ein Auto (Teil der letzten Szene), Hiroki rennt hinter mir her, und wir sehen uns die Aufnahme an. Ich verweise ihn auf die Storyboards, die ich mitgebracht habe – damit kann er sich die Bildkompositionen einprägen. Wieder ein paar Takes, wieder Feedback für Hiroki und die Schauspieler, moving on. Dann noch eine etwas einfachere Strassenszene, in der in genauer Abstimmung verschiedene Statisten verschiedene Dinge tun müssen; hier wird es etwas kompliziert, das zwei kleine Kinder Statisten sind; ihre Mama ist allerdings da, und die beiden spielen ihre Rollen ganz fein durch.

Die letzte Testszene ist ein mit Stühlen markierter Raum, in dem Bruce wartet – Heidi und Darrel gehen durch ihre Szene, dann Bruce und Darrel, dann nochmal mit anderen Emotionen, ein paar Takes mit der 7D, moving on. Ich fühle mich schon etwas schuldig, da Heidi den ganzen Tag bereits da ist und erst jetzt zum Einsatz kommt – aber ehrlich gesagt, so ist das einfach auf Filmsets, und man muss als Regisseur sein Mitgefühl ein bisschen adjustieren. Das Schauspiel gefällt mir schon gut, und die Darsteller geben noch lange nicht ihr Bestes – ich freue mich schon so sehr auf das Set.

Beim Durchspielen der Büroszene mit Darrel und Bruce.

Beim Durchspielen der Büroszene mit Darrel und Bruce.

Abschied und letzte Erledigungen vor dem riesengrossen Tag

Hiroki und ein Teil des Kameraequipments von "Terminated" - jetzt wirds ernst.

Hiroki und ein Teil des Kameraequipments von "Terminated" bei mir zuhause - jetzt wirds ernst.

Es ist bereits dunkel draussen – auch wenn man in LA wenig vom Advent mitbekommt, es liegt Weihnachtsstimmung in der Luft, die kühle Nacht hat sich über die Stadt der Engel gelegt – und wir verabschieden uns. Jeder hat ein Email mit der Adresse und Drehzeit für den morgigen Drehtag bekommen, ich bin innerlich und äusserlich total aufgeregt, und irgendwie juckt meine Wange ganz ungut, irgendein Pickel wahrscheinlich. Bruce bietet an, direkt im Anschluss – es ist schon fast 7 Uhr abends  – zu einem Salvation-Army-Laden zu gehen und sich einen Second-Hand-Anzug  zuzulegen, den meine Kostümbildnerin Bryn dann bearbeiten kann; für das Ende des Films können wir Bruce’s normalen Anzug leider nicht verwenden. Hiroki hat in den letzten Tagen alles mögliche vorbereitet – zu ome Depot gefahren und abdunkel-Folien für die Fensterscheiben des Büros gekauft und ausprobiert, als unbenutzbar bewertet und wieder zurückgebracht – und nebenbei noch einen Film, “The Chase” gedreht.

“The Chase” handelt über eine Verfolgungsjagd durch LA, und wurde von Hiroki an einem Tag gedreht. Ich habe ihn darum gebeten, mit Teruaki, dem Kameraassistenten (beide kommen aus Japan und sind wie ich internationale Studenten), das Benutzen des selbstgebauten Shoulder Mounts und der Steadicam zu üben, damit sie für TERMINATED komplette Bewegungsürpfos sind und aufeinander eingestimmt agieren können. The Chase kann sich der werte Leser hier auf Youtube ansehen.

Es gibt jetzt nur noch ganz wenig Zeit, etwas vorzubereiten. Ich entscheide mich während der Probe spontan (wirklich ohne viel Nachdenken und ohne jegliche Vorbereitung) dazu, ein Weihnachtsthema in den Film einzubauen und ihn zu Weihnachten stattfinden zu lassen. Also, ab gehts zum 99c-Store gemeinsam mit Yonatan, und für ca. 11$ kaufe ich Weihnachtskram, mit ein bisschen Restgeld hauen wir uns zu einem 7-11-Laden und ich kaufe eine LA Times mit einem Kreuzworträtsel für den ersten Shot des Films. Danach ein kurzer Besuch bei Lorena’s Familie, die noch eine Menge Weihnachtszeug haben, und dann geht’s zurück zu mir nach Hause, wo eine Meute Filmemacher auf mich wartet. Hiroki und Teruaki basteln an einer Fokusvorrichtung herum, die aus einer metallenen Rohrschlinge und einem japanischem Essstäbchen besteht. Das Wohnzimmer ist vollgerammelt mit allem möglichen Filmequipent, alles ist vorbereitet für morgen.

Ein Bruchteil des 30-Mannfrau-Filmteams übernachtet heute bei mir. Lorena ist in der Zwischenzeit bei einer Geburtstagsparty ihrer besten Freundin und schickt mir wütende Textnachrichten, was ich mir einbilde, sie für Teile des Films verantwortlich zu machen, wo ich doch weiss dass sie sich doch heute Nacht mit Freundinnen eine feuchtfröhliche Saugaudi haben wird und morgen um 6 Uhr aufstehen muss, um an meinem Film mitzumachen.

Klar, dass sie da sauer ist, wäre jeder … aber ich bin jetzt in einer anderen Welt, habe nichts weiteres mehr im Kopf als den Film.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.