Terminated, Tag 2: Busfahrt und Büro in Downtown LA

Mehr Artikel über das “Terminated”-Filmprojekt hier: Terminated Archiv

Der grosse Tag ist gekommen. Ich wache auf, es ist gerade mal 6 Uhr morgens, alles ist fertig vorbereitet. Eine schnelle, heisse Dusche, die Jungs in meinem Apartment aufwecken, ein paar schnelle Telefonate zu Yonatan, dem Produzenten und Hiroki, dem Kameramann – und es kann losgehen. Wir teilen uns in verschiedene Autos auf, ich fahre schon einmal alleine im Pontiac los, damit ich auf jeden Fall nichts verpasse und mit dem Parkplatzmanager verhandeln kann – wir müssen etwa 20 Autos bei der Location unterbringen, und ich habe natürlich so viel Glück, dass es einen billigen Parkplatz direkt vor dem Gebäude gibt. Im Wagen kratze ich mich an der Wange, ein ganz unangenehmer Pickel hat sich entwickelt.

Es geht los – Setting Up im Morgengrauen.

Hier eine Übersicht des heutigen Drehtags – während dem Dreh schwirrt all das in meinem Kopf herum:

Die Route unserer Drehorte; den Grossteil von "Terminated" drehen wir im Public Works Building, doch der erste Tag besteht aus viel Busfahren. Wir lassen ein paar Leute zu Busstation 0 fahren, steigen dann mit der Kamera bei Busstation 1 ein und bei Station 2 wieder aus. Hier kann man einen räumlichen Zusammenhang der verschiedenen Drehorte sehen. Man bemerke, dass der Film auf der Strassenkreuzung "Pico and Hope Street" beginnt.

Die Route unserer Drehorte; den Grossteil von "Terminated" drehen wir im Public Works Building, doch der erste Tag besteht aus viel Busfahren. Wir lassen ein paar Leute zu Busstation 0 fahren, steigen dann mit der Kamera bei Busstation 1 ein und bei Station 2 wieder aus. Hier kann man einen räumlichen Zusammenhang der verschiedenen Drehorte sehen. Man bemerke, dass der Film auf der Strassenkreuzung "Pico and Hope Street" beginnt.

Ich komme beim Public Works Building an, parke in der im Osten liegenden Seitenstrasse und beginne, meinen Wagen auszuladen; Leland, der Tontechniker, ist bereits dort. Zehn Minuten später kommt Hiroki und 4 weitere Japaner in seinem Wagen an; wir alle packen an, die Securities vom Public Works Building öffnen die Tore der Laderampe für uns, und wir beginnen einen fetten Haufen an Equipment und Requisiten in den Frachtaufzug zu laden.

Requisiten und anderes im Kofferraum des Pontiac Firebird - wir sind fertig zum Auspacken!

Requisiten und anderes im Kofferraum des Pontiac Firebird - wir sind fertig zum Auspacken!

Ich laufe quer über die Strasse und kündige dem Parkplatzmenschen an, dass wir ca. 20 Autos erwarten und einem speziellen Deal bekommen sollten. Wir einigen uns auf 3 Dollar pro Wagen (das ist verflucht billig), und ich laufe wieder zurück zur Laderampe. Inzwischen ist Lorena bereits mit einer Tonne Donuts und anderem Früshtückszeug aufgetaucht – überraschenderweise komplett entspannt und gar nicht mehr wütend; wahrscheinlich weil sie erkennt, dass der Film doch eine recht geile Sache ist und ihre frühe Abreise von der Geburtstagsparty ihrer Freundin wert war (die Gute hat nur 2 Stunden geschlafen und sieht überraschend wach aus). Ich werde von ein paar Leuten angesprochen; “My god Toby, what’s that on your cheek?” – “Oh that, it’s just a zit.”
Als ich mich in den Spiegel schaue, erschrecke ich: Ein echt fetter Pickel, total aufgekratzt. Wo der plötzlich herkommt, genau am ersten Drehtag?

Wir werden “out of order” schiessen, wie fast alle Filmsets, sprich, nicht in chronologischer Ordnung des Films. Das hat produktionstechnische Gründe, vor allem, um Zeit zu sparen und Locations, die nahe zueinander liegen, zuerst abzuhaken, anstatt sie in grösseren Zeitabständen abzudrehen. Für heute steht auf dem Menü / der Shooting Schedule:

  1. Walk from Office Building to Bus
  2. Bus Ride
  3. Exit Bus / Film beginning
  4. Backwards Firing Scene
  5. Mr. Wilson Elevator ride

Dabei ist es essentiell, dass der Film aus einem einzigen Shot besteht; in Wirklichkeit werden es mehrere aneinandergeschnippelte Szenen sein, die nahtlos ineinander übergehen und die Illusion erschaffen, dass die Kamera nie stoppt. Das wird einiges verkomplizieren, da sich Kamera, Sound und Regie mit der Handlung mitbewegen müssen; durch Türen, Engpässe und an Lichttechnik vorbei. So aber habe ich den Film konzipiert, und mein Konzept wird aufrechterhalten. Für die kontinuierliche Kamerabewegung entscheidet sich Hiroki für unseren selbstgebauten 20$-Shouldermount, der sehr stabil, kompakt und “smooth” ist.

Während sich die nun 15-Mann-Crew am Frühstück labt und den Frachtaufzug rammelvoll räumt, bereite ich bereits den ersten Shot vor. Marianna, die Makeup-Dame und eine Freundin von Lorena, kommt an; ich bitte sie, im Büroraum ihr Lager aufzuschlagen und Darrel so schnell wie möglich durch die Maske zu bringen, denn ihn brauchen wir als ersten. Hiroki und Teruaki bringen ihre Kameraaustattung auf Vordermann, Leland steht mit dem Soundgear bereit und mampft an den Donuts.

Das Morgengrauen vom 5. Stock aus gesehen: Unser Drehort steht früher auf als die Sonne selbst.

Das Morgengrauen vom 5. Stock aus gesehen: Unser Drehort steht früher auf als die Sonne selbst.

Paralleles Filmen auf der Strasse und Ausstatten im Büro

Ferdl, der Produktionsdesigner, trifft ein und gibt mir Updates zu den Requisiten und der Ausstattung. Da er ja fliessend Wienerisch kann, unterhalten wir uns auf Wienglisch. “Heast, weil der Tisch da ja fehlt, ich pick den bald up, aber wir müssen ja des Büro auch dekoriern … also…”
Kaila, mein Roommate, hat gestern schon beim Organisieren der LA-Opera-Props geholfen; sie ist jetzt sozusagen Ferdls rechte Hand – und wir kommen zur Übereinstimmung dass alle, die nicht an den ersten Szenen mitarbeiten, unter Ferdls Anweisung und Kailas Ausführung am Büro arbeiten sollen. Nach ein paar Stunden wird Ferdl nach Silverlake fahren und einen fetten Tisch ausborgen, den wir für Mr. Wilson’s Büro benutzen werden. Das ist super für mich, da die zwei so selbstständig sind, dass ich mich gar nicht mehr um die Ausstattung und Dekoration des Büros kümmern muss.

In der Zwischenzeit schicke ich Yonatan mit Geld zum Bus; er soll 8 Tages-Fahrscheine besorgen. Das inkludiert 4 Extras, Darrel (der Hauptdarsteller), Hiroki und Tearuaki, und mich. Wir werden diese Szene komplett “rogue” oder “Guerilla” schiessen – sprich ohne Filmerlaubnis und doppeltem Boden.

Szene 1: Gang zum Bus

Mit Yonatan, dem Produzenten (rechts) und Mustafa, dem Regieassistenten, beim Durchbesprechen der Busfahrzeiten.

Mit Yonatan, dem Produzenten (rechts) und Mustafa, dem Regieassistenten, beim Durchbesprechen der Busfahrzeiten.

So sieht das Public Works Building, unser Hauptdrehort, von Aussen aus.

So sieht das Public Works Building, unser Hauptdrehort, von Aussen aus.

Alles ist fertig; Darrel ist geschminkt (ganz leicht, um einfach Glanzlichter zu vermeiden und Pickel bzw. Hautröte wegzuretuschieren), Hiroki und Teruaki (DP und Asssistant Camera) haben ihre Einstellungen fertig, und Lelands Soundequipment ist aufnahmebereit. “Aaaaand Action!” rufe ich, als einer der PAs, Jonathan, von ein paar Blocks weiter aus anruft, dass ein Bus am Weg ist. Der Charakter Gerhard kommt aus dem Gebäude, wir folgen ihm mit der Kamera, geht in Richtung Busstation, und der Bus kommt genau zeitgleich mit ihm an. Detailliertes Locationscouting und ein last-minute ausgedruckter Busplan in Kombination mit der Berechnung von Ampelzeiten erlauben uns eine genau Abstimmung der Bewegungen von Mann und Maschine.

“Excuse me, could you open the back door?”, frage ich die Busfahrerin und zücke vier Tagestickets. Sie lässt mich vorne herein, Darrel hinten, Hiroki und Teruaki folgen zeitgleich mit Darrel. Die Kamera muss sich genau mit dem Charakter von Gerhard mitbewegen, damit ich einen unsichtbaren Schnitt setzen kann. “Aaaand cut! Thank you!”, sage ich, danke der Busfahrerin, und wir alle verlassen den Bus wieder.

Wir schiessen die Szene dreimal, alle drei male sind die Busfahrer uns wohl gesonnen. So  ein Glück – hätten wir die Busfirma um Erlaubnis gefragt, wäre “Terminated” nie etwas geworden.

Darrel beim Warten auf den nächsten Take. Ich finde dieses Foto sehr kraftvoll, als ich es zum ersten Mal sehe - vielleicht kann ich es ja für ein Filmposter benutzen...

Darrel beim Warten auf den nächsten Take. Ich finde dieses Foto sehr kraftvoll, als ich es zum ersten Mal sehe - vielleicht kann ich es ja für ein Filmposter benutzen...

Beim diskutieren der ersten Szene; rechts der Regieassistent Mustafa, der alles im Auge behält; beispielsweise meinen mönströs fetten Pickel, der ausgerechnet am ersten Drehtag auftauchen musste.

Beim diskutieren der ersten Szene; rechts der Regieassistent Mustafa, der alles im Auge behält; beispielsweise meinen mönströs fetten Pickel, der ausgerechnet am ersten Drehtag auftauchen musste.

Screengrab der Szene, wo Gerhard zum Bus geht - so sieht die Welt durch Hiroki's Linse aus.

Screengrab der Szene, wo Gerhard zum Bus geht - so sieht die Welt durch Hiroki's Linse aus.

Szene 2: Busfahrt

Jetzt wird es etwas komplexer; ich muss genau dort absetzen, wo die erste Szene angefangen hat, nämlich beim Übergang von Aussenwelt zu Bus-Innenraum. Jonathan fährt 3 Komparsen und Leland, den Soundmenschen, zu Busstation 0 (siehe Karte), wo die vier in den Bus einsteigen. Jonathan ruft dann uns an und gibt uns bescheid, dass es dieser Bus ist. Ich steige dann als erstes in den Bus ein und bitte den Busfahrer, die hintere Tür für uns zu öffnen. Er lehnt ab “open it yourself” – ich zeige ihm die Tickets, stosse die hintere Tür auf, und Hiroki steigt zeitgleich mit Darrel ein. Darrel hat sich eine aufgeschnittene Zwiebel an die Augen gehalten, um die Tränen etwas leichter herunterkommen zu lassen; in dieser Szene beginnt er, am Bus zu weinen.

Das Schöne daran ist, dass ich so viel Aufmerksamkeit errege, dass alle im Bus auf Darrel starren anstatt auf die Kamera. Nach zwei Busstationen ziehe ich an der “Bitte Anhalten”-Leine, der Bus bleibt stehen, und wir gehen in umgekehrter Reihenfolge wieder raus; Darrel vorne, Hiroki hinten. In Amerika gibt es ganz festgeschriebene Regeln, wo man ein- und aussteigen sollte – einsteigen vorne, aussteigen hinten.

Um dem nun zu folgen, muss ich einberechnen, dass der Film rückwärts läuft; daher steigen wir genau falsch herum ein, damit es im umgekehrt laufenden Film dann richtig rum aussieht. Lorena holt Darrel, Hiroki, Teruaki und mich auf der einen Station ab, Leland und die 3 Komparsen werden von Jonathan auf der nächsten Station abgeholt. Als wir im Auto sitzen, bin ich ganz aufgeregt und plappere vor mich hin, während Darrel sich vom Weinen am Bus erholt. Lorena zwickt mich in den Oberschenkel und legt eine CD mit klassischer Musik ein – ich verstehe, das unterstützt Darrel emotional. Jener schirmt sich während der Wartezeit auf den nächsten Bus von Gesprächen ab – lediglich wenn ich eine kurze Regieanweisung habe, hört er zu. Sowas nennt man “to stay in character”, und manche Schauspieler müssen in ihrer Rolle bleiben, um die Konzentration nicht zu verlieren.

Screengrab aus der Busszene in "Terminated" - Gerhard, gespielt von Darrel Cherney, weint im Bus.

Screengrab aus der Busszene in "Terminated" - Gerhard, gespielt von Darrel Cherney, weint im Bus.

Wir drehen die Szene drei mal, dann wird die Zeit zu knapp; Hiroki bedeutet mir, dass das letzte Take gut genug war, um verwendet zu werden. Die Kameracrew und Leland bleiben vor Ort, während ich mit Lorena zurückfahre und Dinge für die nächste Szene besorge.

Szene 3: Busstation

Teruaki wartet geduldig auf den Bus ... oder den Rest der Crew.

Teruaki wartet geduldig auf den Bus ... oder den Rest der Crew.

Gemeinsam mit Lorena, Jonathan, Mustafa und Yonatan (PA, PA, Assistant Director und Producer) organisieren wir die nötigen 10 Extras, Crewmitglieder, Requisiten und Ausstattung für die dritte Szene. Lorena fuhr bereits während der ersten Szene zu einem Supermarkt, um Ballons zu besorgen; diese stopfen wir jetzt mit ein paar Stühlen in den Wagen und fahren zur Busstation. Dort angekommen, weise ich die Extras an, genau wie in der Probe die Bewegungen auf der Busstation zu vollführen – und positioniere drei Stühle auf der gegenüberliegenden Strassenseite (muss eine Parkplatzdame um Erlaubnis fragen, weil wir direkt an ihrer Einfahrt für Kunden stehen) gemeinsam mit 3 Komparsen, die dann jeweils ihr “Prop” bekommen; eine Zeitung, ein Kreuzworträtsel, und ein Stick-Muster, das ein gebrochenes Herz darstellt.

Das einzige Problem ist jetzt: Kein Bus in Sicht. Ein Blick auf den Busplan verrät etwas, was ich nicht einkalkuliert habe: Um die Mittagsstunde – und es ist jetzt fast 12:30 – fährt der Bus anstatt im 15-Minuten-Takt nur mehr alle halbe Stunden. Scheisse, und wir sind schon zeitmässig etwas hinten nach. Da der nächste Bus noch locker 20 Minuten brauchen wird, üben wir die Szene erst einmal ohne Bus. Eines wird kompliziert; ich habe zwei kleinen Jungs jeweils eine Aufgabe gegeben.. der eine muss einen Ballon loszulassen, der andere muss einen Ball auf die Strasse werfen und auf die andere Seite rollen lassen. Der Verkehr wird heftiger, und ich beginne zu bezweifeln, dass der Ball funktionieren wird – wie soll ein kleiner Junge einen Ball durch eine vierspurige Strasse manövrieren, ohne einen riesigen Unfall zu verursachen? Ich schreie “One … two … three … four … five” während der ca. 2-minütigen Szene, um jeweilige Extras zu “aktivieren”. Hiroki übt seine Kamerabewegung, bei der er langsam über die vierspurige Strasse gehen muss – auch nicht ohne. Nebenbei lasse ich noch Bruce (der Mr. Wilson spielt) in seinem Auto vorbeifahren – er muss auch zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt kommen.

Darrel und ich, beim Diskutieren der Szene und Warten auf den Bus.

Darrel und ich, beim Diskutieren der Szene und Warten auf den Bus.

Wir üben das ganze zwei Mal, und beide Male ist irgendetwas nicht ganz korrekt.

Wir positionieren Darrel einen Block weiter, um dort in den Bus einzusteigen, und siehe da, ein Bus kommt tatsächlich. Es ist wie ein Wunder – Darrel steigt aus, der Bus fährt weg, Hiroki schafft es problemlos über die Strasse, Bruce fährt mit seinem Wagen vorbei, der Ballon fliegt weg, und als der Junge mit dem Ball an  der Reihe ist, ist die Ampel nicht rot, sondern grün – sprich, Autos fahren an uns in beide Richtungen vorbei … und er wirft den Ball mitten in den Verkehr. Kein Erwachsener hätte sich das getraut – aber vielleicht gerade deshalb rollt der Ball zwischen den Autos durch, genau dorthin, wo Hiroki filmt. Hiroki bewegt die Kamera über die drei sitzenden Personen, Teruaki zieht den Fokus näher, sodass die Dinge in  den Schössen der drei Komparsen scharf sind, und … bumm, alles hat geklappt.

Drei der Komparsen, echt nette Jungs, die sich an zwei der Kinder angehängt haben und ohne Ankündigung auftauchten.

Drei der Komparsen, echt nette Jungs, die sich an zwei der Kinder angehängt haben und ohne Ankündigung auftauchten.

Ein Shot, der ganz am Anfang des Filmes liegt: Ein Kreuzworträtsel, das "Terminated" als Lösung hat.

Ein Shot, der ganz am Anfang des Filmes liegt: Ein Kreuzworträtsel, das "Terminated" als Lösung hat.

Übersichtsfoto der Beginnszene auf der Busstation.

Übersichtsfoto der Beginnszene auf der Busstation.

Dieser Ball spielt eine zentrale Rolle in der Eröffnung des Films ... und fliegt zwischen Autos hindurch.

Dieser Ball spielt eine zentrale Rolle in der Eröffnung des Films ... und fliegt zwischen Autos hindurch.

Beim Regisieren, gemeinsam mit Hiroki, dem Kameramann.

Beim Regisieren, gemeinsam mit Hiroki, dem Kameramann.

Hiroki beim Filmen der Szene - dieser Shot markiert den Beginn des Films.

Hiroki beim Filmen der Szene - dieser Shot markiert den Beginn des Films.

Aaaaand Cut!! Awesome!!

Aaaaand Cut!! Awesome!!

“AAAAAND CUT! THAT WAS AWESOME!”, schreie ich entzückt. Das eine Take wird es sein, noch eine halbe Stunde Wartezeit können wir uns nicht erlauben. Ich bekomme einen Anruf von Kaila, ob sie alle schon mit dem Mittagessen (das  Lorena geliefert hat) beginnen können. “Yeah, go ahead, we got the scene!”, sage ich, freudentaumelnd. Es dauert eine Weile bis “the chain of command” ein paar Autos organisieren kann, um uns alle abzuholen. Am Ende ist genau ein Sitzplatz zu wenig, also stopfe ich mich selbst mit den Stühlen und Kameraequipment in Hiroki’s Kofferraum.

Der Regisseur fühlt sich im Kofferraum immer am Wohlsten.

Der Regisseur fühlt sich im Kofferraum immer am Wohlsten.

Jetzt gibts erst mal Jause – in einem komplett lebendigem Büro

Als ich aus dem Aufzug aussteige und in unser Grossraumbüro komme, fallen mir die Augen heraus: Die 15-Mann-Crew, die im Büro gewartet hat, hat ihre Zeit gut verwendet: Das Büro sieht wie ein echter, belebter Arbeitsplatz aus (davor war alles leer), inklusive Weihnachtsschmuck, Lichterketten und roten Schleifen. Im Büro stehen wunderschöne Requisiten aus der Los Angeles Oper, und in der Mitte thront ein fetter Eichentisch, den Ferdl “just in time” besorgt hat. Scheissgeil. Ich bin überglücklich, Ferdl und Kaila haben eine Hammerarbeit geleistet. Heidi, die Schauspielerin, hat sich komplett ins Dekorieren geworfen und ist jetzt fertig für die Maske.

An genau diesem Moment erkenne ich etwas, das anders als auf anderen Filmsets ist: Jeder arbeitet zusammen, und hat eine riesen Menge Spass dabei. Leute essen glücklich ihr wohlverdientes Mittagessen in dem Büro, das so langsam zu unserem neuen Zuhause wird; alle unterhalten sich und sind guten Mutes. Lorena’s Papa kommt vorbei, als Komparse der älteren Generation, Bruce ist fast fertig geschminkt, und alles läuft perfekter als ich es mir vorstellen könnte. Das Cast&Crew Meeting gestern war wohl immens hilfreich, denn aus irgendeinem Grund verstehen sich die “Fremden” sehr gut miteinander. Ich liebe diesen sozialen/freundschaftlichen Aspekt vom Filmemachen. Als Mittagessen hat Lorena einen super Deal gefunden; Wraps von COSTCO, ein ganz mexikamerikanisches Produkt, das selbst meine Geizkragen-Geldbörse lachen lässt.

Das Büro ist fertig dekoriert - voll der Hammer! Mit allen Komparsen auf ihren Plätzen sieht es noch besser aus, und links sehen wir die Sekretärin Veronica Swanson, gespielt von Heidi Herrmann.

Das Büro ist fertig dekoriert - voll der Hammer! Mit allen Komparsen auf ihren Plätzen sieht es noch besser aus, und links sehen wir die Sekretärin Veronica Swanson, gespielt von Heidi Herrmann.

Szene 4: Die Kündigung

Darrel ist nirgendwo zu finden; ich schicke zwei Leute auf die Suche, und schlussendlich finden wir ihn, am Boden liegend, in einem abgelegenen Teil des Büroraums. Das Schauspiel am Vormittag mit dem vielen Weinen am Bus scheint ihn sehr mitgenommen zu haben, und für eine kurze Weile überlege ich mir, ob wir die Szene mit ihm nicht nach hinten rücken sollten, und nur Bruce ‘s Aufzugszene drehen könnten. Nach einem kurzen Gespräch mit ihm entscheide ich, dass die Zeit, die Hiroki für den Aufbau der Lichter benötigen wird, genug ist, um Darrel seine wohlverdiente Pause zu gönnen.

Nach etwa 1 Stunde Arbeit an den Lichtern und den Kameraeinstellungen kann es losgehen; Darrel und Bruce sind fertig geschminkt, so auch Heidi, die als Sekretärin schon den ganzen Tag auf ihren Auftritt gewartet hat. Ich habe inzwischen Outfits für die Komparsen ausgesucht und ihnen Bewegungen bzw. Reaktionen vermittelt, die sie in ihrem Auftritt an den Tag legen sollten. In dieser Szene wird Mr. Wilson seinem Mitarbeiter Gerhard kündigen, und Gerhard wird das Grossraumbüro verlassen. Das einzige, was von meiner Seite her kompliziert wird, ist, die Performance von Bruce und Darrel glänzen zu lassen, und beim Betreten des Büros müssen Hiroki, Teruaki, Leland, Darrel und ich uns beinahe zeitgleich durch eine kleine Tür zwängen. Ein weiteres Hindernis ist das genaue Setup des Startbilds – Darrel’s Gesicht vor einer Wand – da wir das morgen noch einmal genau so wiederholen müssen, um einen unsichtbaren Schnitt zu setzen.

Darrel, fix und fertig beim Entspannen am anderen Ende des Büros, wo ihn niemand finden kann.

Darrel, fix und fertig beim Entspannen am anderen Ende des Büros, wo ihn niemand finden kann.

Bruce, in bester Stimmung und fertigem Outfit für Mr. Wilson.

Bruce, in bester Stimmung und fertigem Outfit für Mr. Wilson.

Hiroki, seines Zeichens Lichtmeister, mit unserem Shoulder Mount.

Hiroki, seines Zeichens Lichtmeister, mit unserem Shoulder Mount.

Um das Büro so hell wie das Tageslicht zu bekommen, braucht  es einige Lichtpower - und die darf im Film nicht zu sehen sein; das wird durch die One-Shot-Idee noch weiter verkompliziert.

Um das Büro so hell wie das Tageslicht zu bekommen, braucht es einige Lichtpower - und die darf im Film nicht zu sehen sein; das wird durch die One-Shot-Idee noch weiter verkompliziert.

Leland, der für Sound zuständig ist, beim Warten im Boss-Sessel.

Leland, der für Sound zuständig ist, beim Warten im Boss-Sessel.

Der leere Sessel, der den Anfang der Szene markiert - so muss es auch morgen aussehen.

Der leere Sessel, der den Anfang der Szene markiert - so muss es auch morgen aussehen.

Ich beim Reden mit den Extras - wir gehen die Bewegungen und Reaktionen auf Gerhard noch einmal sicherheitshalber durch.

Ich beim Reden mit den Extras - wir gehen die Bewegungen und Reaktionen auf Gerhard noch einmal sicherheitshalber durch.

“Aaaand … Firing Scene of Gerhard, Take 1 *clap* Action!” – die Maschinerie setzt sich in Bewegung, ich beobachte konzentriert. Im Film unterhalten sich Gerhard und die Sekretärin Veronica, sie klopft bei Mr. Wilson an und lässt Gerhard in dessen Büro, wo sich die beiden unterhalten – beinahe Wort für Wort identisch zu meiner damaligen 2009-Kündigung. Am Ende der Szene verlässt Gerhard das Büro, geht durch die Reihen seiner ehemaligen Mitarbeiter und verschwindet in die Aufzugshalle. CUT!

Es wird langsam spät, also spielen wir die Szene nur wenige Male durch; Darrel schlägt sich tapfer durch die emotional anstrengende Szene, bei der er anfangs fröhlich, dann traurig aussehen soll.

Szene 5: Mr. Wilson im Aufzug

Als Darrel dann zur Arbeit muss, drehen wir noch eine Szene, in der Mr. Wilson den Aufzug betritt, nach unten fährt, durch die Lobby stapft und das Gebäude verlässt. Ich gebe Bruce die Anweisung, dass sein Charakter versucht, das Geschehene hinter sich zu lassen, aber immer noch Mitleid mit dem gefeuerten Mitarbeiter hat (die Szene kommt im Film nach der Kündigung). In der Lobby stelle ich ca. 10 Extras auf, inklusive den zwei Securities, die zum Gebäude gehören. Im Obergeschoss stelle ich Kaila und eines der Extras, Monica, als Bürotussen auf, die sich lachend unterhalten, bis Mr. Wilson kommt – dann sind sie ganz artig und unterhalten sich über das Geschäftliche; Mr. Wilson geniesst grossen Respekt.

Screengrab der Aufzugsszene; hier sehen wir einen nachdenklichen Mr. Wilson, gespielt von Bruce St. Martin.

Screengrab der Aufzugsszene; hier sehen wir einen nachdenklichen Mr. Wilson, gespielt von Bruce St. Martin.

Die Szene läuft glatt, und wir “callen es einen day”. Heute waren wir fast 30 Leute, inklusive Crew, Darsteller und Komparsen. Wir drehten für etwa 10 Stunden, das Tageslicht komplett ausgereizt. Essen wird verstaut, Schauspieler verabschiedet und Zeitpläne für morgen festgelegt. Verderbliches wird mitgenommen, und die übriggebliebene Crew macht sich auf den Weg. Weil es so lustig war, nehmen wir noch ein Slow-Motion-Video vom Hinausgehen auf…

“No shooting tomorrow, right?”

Wir sind alle beim Rausgehen, als ich den Securities danke sagen möchte; sie haben für uns ohne zusätzliche Bezahlung alle Tore geöffnet und waren sehr kooperativ. “So, we’ll see you tomorrow then!”, sage ich.
“Yeah, you are coming to pick up the last things, right?”
“No … we are shooting tomorrow?”
“I was told there is no shooting tomorrow, right? The Building isn’t reserved for shooting tomorrow.”
“We are definitely scheduled to shoot tomorrow, can you call the Film Liasion please?”

Ich stehe da, ganz blank. Dann kommt mir der Einfall – wer muss sich in so einem Fall Kopfzerbrechen machen? Richtig … der Produzent. “Yonataaaaan, can you handle that for me?”
Selbst wenn ich meinen Erfolg beim Location Scouting mehr oder weniger im Raum stehen lasse, da Yonatan den Producer-Credit bekommt, er übernimmt verdammt viele Sachen für mich; Versicherungsgeschichten, Permits, offizielle Korrespondenz, Organisation, Stress machen, Stress abnehmen – Produzent eben. Es ist bereits dunkel; Zeit für eine Nacht echt guten Schlafes, denn morgen wird es brutal – ein Stunt steht bevor.

Ein paar Stunden später bekomme ich einen Anruf von Yonatan. “Yeah, I just talked to the Film Liasion. We’re clear for tomorrow.”

Gottseidank, da stört mich nicht einmal der juckende Pickel mehr. Hoffentlich habe ich bloss nicht wieder so einen komischen Traum…

KOMPLETTES FOTOALBUM AUF FACEBOOK, Photos von Mizuki Yoshimitsu
.

.

Lies Mehr über “Terminated”:
Alle Posts über den Schaffensprozess von “Terminated” sind im Terminated-Archiv zu finden. Hier einige Beispiele:

  • Screenshot of the exclusive rehearsal video

    Terminated, Tag 1: Cast & Crew Meeting (Vorbesprechung und Versammlung)

    Posted on April 5, 2011 | 3 Comments

    Der erste Tag von “Terminated” ist gekommen – heute trifft sich das gesamte Team zu einer letzten Probe, um Kameraarbeit und Schauspieler-Aufstellung für die kommenden zwei Drehtage zu verinnerlichen; wir werden auf gefährlichem Gebiet und mit viel Risiko agieren; Drehgenehmigungen haben wir nur für einen Teil des Filmdrehs, und eine Filmcrew von fast 30 Leuten kann man nicht einfach so absagen. Jeder lernt nun die Geschichte des Films im Detail kennen, den Drehablauf und die Engpässe … noch ein paar letzte Besorgungen, dann kann alles morgen losgehen. Full Story

  • Eine der Busstationen, die zwar wunderschön, aber zu weit weg ist.

    Terminated – Props, Kamerafahrten, Probe und Zeitmessung

    Posted on March 29, 2011 | 2 Comments

    Das Drehdatum von “Terminated” rückt näher und näher – letzte Vorbereitungen müssen getroffen werden. Innerhalb der letzten zwei Wochen finden wir einen Weg, Requisiten zu besorgen und mein Kumpel Ferdl wird zum Produktionsdesigner, Hiroki und ich schiessen Probeaufnahmen vor Ort unter Aufsicht der Gebäudeverwaltung, ich gehe auf eine zusätzliche Drehortsuche und treffe mich schlussendlich mit den Schauspielern für eine Generalprobe. Full Story

  • A DIY Shoulder Mount for around $20-$30, mostly made of plumbin equipment, geared towards Video DSLRs; the tutorial below lets you build one yourself!

    Tutorial: Building a Shoulder Mount for DSLR Filming, $20-$30

    Posted on February 28, 2011 | 5 Comments

    This article (English) is a comprehensive tutorial for building a DIY shoulder mount for $20-$30. Parts consist mostly of plumbing pipes and a big old sweater – the result is a stable rig that can be used for quite smooth hand-held filming while standing and/or walking. This instruction is geared towards Video-DSLR users who want a comfortable, cheap and sturdy (let’s call it indestructible and easily replaceable) shoulder rig. Full Story

  • Der Konferenzraum am AET Campus mit aufgeteilten Casting-Unterlagen zu "Terminated"; von der Perspektive des Filmemachers aus gesehen.

    Der Castingprozess für “Terminated” – Teil 2: Das Casting

    Posted on February 15, 2011 | 5 Comments

    Ein Tutorial zum Casting: Mein Kurzfilmprojekt “Terminated” springt auf ein ganz neues Level der Erfahrung, als ich mich dazu entscheide ein echtes Casting abzuhalten. Und zum ersten Mal in meinem Leben erfahre ich, was es bedeutet, in “Castingliebe” zu fallen – wenn man einen Schauspieler unbedingt und um jeden Preis haben will. So eine pervers gute Darstellung ist ein einmaliges Erlebnis. Der zweite Teil dieses Beitrags handelt über das tatsächliche Casting und die Magie der Schauspieler, die auftauchen – sowie den verbundenen Stress, die peinlichen Momente und die Komplikationen mit Räumlichkeiten, die mir fast ein Disziplinarverfahren einhandeln. Full Story

  • Bürozellen bis zum Nebel des Horizonts - sowas gibts nur in Filmen. Foto: Yonatan Mallinger.

    Location-Durchbruch im Public Works Building

    Posted on February 5, 2011 | 5 Comments

    Nach einer Stunde Verhandlungen kommt ein magischer Moment des Durchbruchs – und uns wird für 0$ Kosten eine der beeindruckendsten Büroräumlichkeiten angeboten, die mein jungfernes Auge je erblickte. Und ich erblicke eine Menge, trotz meiner Kurzsichtigkeit. Damit hat mein baldiger Kurzfilm “Terminated” ein Zuhause gefunden! Full Story

  • Der Aufzugsbereich - wie in einem Film. Absoluter visueller Orgasmus!

    Das Wunder des Location Scouting

    Posted on January 1, 2011 | 1 Comment

    Als Guerilla-Filmemacher sind mir Shooting Permits (Filmgenehmigung eines Ortes) total hanswurst. Bisher musste ich aber auch noch nicht in einem schwer bewachten Gebäude filmen. Mit Yonatan, meinem Produzenten, mache ich mich auf nach Downtown LA, um die Erlaubnis für ein atemberaubendes Bürogebäude zu erhalten. Doch wir werden abgewiesen und Köpfe werden geschüttelt. Es scheint aussichtslos… Full Story

  • Die ersten Storyboards - wie diese Szene in den Film passt, können Sie am Ende des Artikels herausfinden.

    Wie ein Klassenfilm zu einem klasse Film werden könnte

    Posted on December 21, 2010 | 8 Comments

    Für unseren Kurs “Fortgeschrittene Filmproduktion” müssen wir einen Abschluss-Kurzfilm machen. So weit, so gut … dank Lorena bekomme ich eine Idee, und im Nu entwickelt sich eine simple Idee in eine potenziell bahnbrechende Filmentwicklung in meiner Laufbahn. Ergebnis: Noch unbekannt… Full Story

Beinahe alle Fotos sind von Mizuki Yoshimitsu geschossen worden, ein kleiner Teil von Hiroki Kamada und mir selbst. FORTSETZUNG FOLGT!

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.