1 Woche Non-Stop Editingparty mit Terminated

Blindes Glück und blinde Doofheit scheinen einher zu gehen: Nachdem ich am letzten Drehtag von “Terminated” mit einem Besuch der Polizei und einem Überfall der Feuerwehr ungeschoren davongekommen bin, geht es prompt weiter mit einer unschaffbaren Aufgabe: Einem Editing-Marathon für das herantrabende SMC Film Festival, dem Filmclub-internen Festival, in dem wir uns und unseren Freunden die Filme des Semesters zeigen. Der Dreh von Terminated endet am 5. Dezember, und am 17. Dezember ist schon das Filmfestival, zwei oder drei Tage zuvor ist der letzte Abgabetermin. Ich habe etwas weniger als eine Woche, direkt während die Final Exams am Laufen sind.

Ich kündige breitmundig an, einen Rohschnitt auf dem Festival zu zeigen, und habe jetzt einen tickenden Countdown. Alleine Filme schneiden ist mühselig, also ist es zeit für eine…

1-wöchige Editingparty

Im Rennen:

  1. Hiroki, ein-Mann-Kanone aus Japan, mit seinem Film “The Chase”, gemeinsam mit Teruaki, der Motion Graphics für “The Chase” macht
  2. Tobias, der Scheidenberg aus Österreich, mit “Terminated”
  3. Team Angelo und Jonathan, mit Angelo’s Film “Breaking the Shell”

Was sind unsere Geheimnisse? Zum einen treffen wir uns beinahe jeden Abend bei mir in der Bude, so gegen 10 oder 11, da haben wir dann alle frei von der Uni, und dann schnippeln wir bis ca. 5 Uhr früh, wobei dann manche von uns wieder um 7 oder 8 Uhr morgens raus müssen, zurück ans College und Tests schreiben. Eine physikalische Tour de Force, die natürlich unsere Gehirne in Mitleidenschaft zieht; wer etwas von Schlaftrunkenheit versteht, weiss,  was ich meine…

Hiroki, mit meinem Bademantel bedeckt, um ca. 4 Uhr früh, komplett zerstört.

Hiroki, mit meinem Bademantel bedeckt, um ca. 4 Uhr früh, komplett zerstört. Im Vordergrund Essen, im Hintergrund mein Filmequipment und Surfboard (das Filmequipment benutze ich dauernd, das Surfboard nie).

Da wäre einmal Jonathan, der – obwohl wir uns erst seit kurzem wirklich kennen – sein gesamtes Imitationsrepertoire von deutschen Nazisprüchen spätnachts auspackt (passend, denn er ist amerikanischer Jude) … man muss sich das so vorstellen: Ich sitze da, um drei Uhr morgens, und korrigiere gerade den Farbstich einer Szene in Terminated, als plötzlich Jonathan neben mir im Dunklen, gerade mal von seinem Macbook-Bildschirm erleuchtet, hochschreckt und “Mein Führer!” in die stille Nacht hinein ruft, mit seinen Armen herumwirbelnd. Nicht ein- oder dreimal, sondern durchgehend bis sechs Uhr morgens. Er beginnt dann, grosse deutsch-englische Reden zu  schwingen, während ich mich kaputt lache, komplett schlaftrunken, mit dem kläglichen Versuch, mich auf meine AfterEffects-Arbeit zu konzentrieren … aber ein Amerikaner mit 1940er-Dialekt am Nebensitz, sich über die deutsche Sprache lustig machend, das ist komplett unbezahlbar. Während meinem Auslandszivildienst (bei dem ich in Holocaust-Einreichtungen gearbeitet habe) wäre so etwas absolut undenkbar gewesen, doch nach zwei Jahren Studium und vielen Freundschaften mit amerikanischen Juden, die mehr sarkastischen Selbsthumor als sonst eine Gruppe haben, sind Witze dieser Art (bei denen man in Europa empört herumflüstern würde) beinahe schon Gewohnheit.

Angelo und Jonathan - das Dreamteam... während Angelo herumregiert, hackelt Jonathan an einem Edit, der auch ihm gefällt. Gut, dass Hiroki und ich Angelo von ein paar Sachen abhalten können, denn der Erstregisseur hat so seine Vorstellungen über den Schnitt, die nicht so wirklich passen. Demokratie um 3 Uhr morgens!

Angelo und Jonathan - das Dreamteam... während Angelo herumregiert, hackelt Jonathan an einem Edit, der auch ihm gefällt. Gut, dass Hiroki und ich Angelo von ein paar Sachen abhalten können, denn der Erstregisseur hat so seine Vorstellungen über den Schnitt, die nicht so wirklich passen. Demokratie um 3 Uhr morgens!

Oder dann wäre da Hiroki, der gebannt auf seinen Bildschirm starrt, mir immer konstruktive Kritik gibt und – genauso wie ich – mit seinen nackten Füssen spielt. Hiroki hat das seltene Talent, um ca. 4 Uhr früh von seinem Stuhl zu steigen, in die Mitte des Raums zu torkeln und sich flach auf den Boden, die Couch oder mein Bett werfen – und innerhalb von Sekunden in Tiefschlaf zu versinken. Angelo wiederum kommt dann eines Abends mit seiner externen Festplatte, und nachdem Jonathan für ihn filmschneidet und Angelo gemeinsam mit meinem Roommate Ryu prinzipiell nichts zu tun haben, durchforstet er einfach seine Platte, schliesst meinen Beamer an seinen Computer an und spielt, während Hiroki und ich hochemotionale und philosophisch anspruchsvolle Szenen schneiden, ein paar richtig schmutzig Filme für Erwachsene.

Unsere Filme sind wie iúnsere Babies, wir haben Wochen und Monate in ihr Entstehen investiert. Da sitzen wir nun, 3 in der Früh, in der periphären Sicht füllen neongrelle Pornos die weisse Wand meines Wohnzimmers, und das Licht refraktiert durch unsere leeren Colaflaschen und halbleeren Gläser, quer über verstreute Popcorn, riesige Kabelsalate und sperrangelweit aufgerissene Augen meiner werten Studienkollegen, für die ihre Babies viel wichtiger sind als Pornos. Deshalb gibt es an den nächsten Abenden nur mehr einen schlafenden Angelo, während wir weiter am Schnippeln sind. Alkohol ist nicht involviert – das ist nur für Langweiler – trotzdem gelangen wir in ein Dasein des Deliriums, in dem seltsame Dinge vorgehen … inspirierend.

Unsere Rekordzeit war wohl 7 in der Früh während der Woche, dann eine halbe Stunde oder so schlafen, und ab aufs College, grosse finale Essays abgeben oder Final-Prüfungen bestehen. Die Götter des Editing sind uns wohl gesonnen, und am letzten Tag, Abgabe-Deadline um ca. 2 Uhr Nachmittags, machen wir komplett durch, ohne Schlaf, denn die Filme müssen rendern, und ich muss Terminated aus After Effects nach Final Cut Pro transportieren. Ein Making-Of zu den Spezialeffekten in “Terminated” kommt später einmal, wenn der Film “draussen” ist, sprich, seine Weltpremiere auf irgendeinem Filmfestival gehabt hat. Jetzt habe ich nur einen Rohschnitt fertig für unsere kleine Studentencommunity – ein toller Platz, um die Reaktionen der Zuschauermenge auszutesten und davon für den finalen Schnitt zu lernen.

Jetzt aber heisst es erst einmal: Tief durchschlafen.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.