March in March – 165 von SMC nach Sacramento: Teil 1

Wie jedes Bildungssystem ist auch das amerikanische von ständigen Budgetkürzungen (und Budgetdoofheiten, siehe Entscheidungen gewisser Ex-Präsidenten) betroffen; anders als in Österreich ist der kalifornische Staat allerdings komplett blank, pleite – und muss drastische Kürzungen in Milliardenhöhe durchführen. Da hätten die Politiker nicht so viel mit Lobbyisten der Reichen jausnen und der Rest nicht so über Steuern schimpfen sollen.

Jeder, der die Finanzwelt einer Regierung annähernd kennt, weiss aber dass Kürzungen verhindert oder gemildert werden können – nämlich durch neue Einnahmequellen für die Regierung, wie zum Beispiel Steuererhöhungen oder neue Steuern. Auch ein Liter Milch mit Bleichungsmittel in der Budgetmappe kann gewisse Defizite komplett verschwinden lassen, aber nur für bedingte Zeit.

Jedenfalls bin ich ja am Santa Monica College, einem öffentlichen Community College – und selbst wenn wir internationale Studenten einiges dafür bezahlen müssen, ist es immer noch staatlich finanziert.
Wir in der Studentenregierung bohren nicht nur in der Nase, sondern haben auch wöchentliche Treffen, bei der wir die wichtigsten Themen des College besprechen, uns über interne Fortschritte austauschen, Clubaktivitäten finanzieren und Entscheidungen fällen. Über mehrere Wochen hinweg werden wir über drohende, drastische Budgetkürzungen informiert:

Budgetkürzungen 2011 – California Community Colleges

Aus den Staatsbeiträgen zum CCC, den California Community Colleges, sollen ca. 400 Millionen Dollar gestrichen werden. Das bedeutet, dass der Preis einer Unit (etwa eine Wochenstunde im Lehrplan pro Student) von 26 Dollar auf 36 oder sogar 66 Dollar angehoben werden soll. Ausserdem wird SMC ca. 10 Millionen Dollar an Funding fehlen, was bei SMC’s Gesamtbudget von 130 Millionen Dollar pro Jahr knapp 7 Prozent sind; das bedeutet, noch weniger Klassen, Kündigung von Professoren und Personal, Kürzung von wichtigen Services usw. usw. – prinzipiell, eine echt tragische Situation. Mehr Infos – PDF

Ich werde echt angefäult. In Sacramento wird schon seit Jahren ein grosses Defizit aufgebaut, und statt Steuererhöhungen für alle sollen die Steuern der Studenten (das sind unsere Studienbeiträge im Allgemeinen, da sie direkt in die Staatskasse gehen) gehoben und ihre Bildung gemindert werden? So ein Schwachsinn.
Und meine Kollegen, die ich so lieb wie Teddybären gewonnen habe seitdem wir auf diesen zwei megacoolen KonferenzenCCCSAA und SSCCC – waren, meine werten Kollegen und Co-Regenten, die tun nichts, sagen ein stilles “Ja, ja, ist schon gut … wen interessiert’s.”

MICH INTERESSIERTS!

Warum all die Passion plötzlich, diese schwangere Leidenschaft, wo ich doch Director of Publicity, also Propagandaminister im Sandkasten, bin? Nun, es gibt mehrere Gründe:

  1. Heimweh
    Nicht echtes Heimweh, sondern Heimneid – meine Schulkollegen aus Wien waren vor einem halben Jahr die ärgsten Demoprofis und haben die österreichische Politik platt gemacht – mit Hausbesetzungen und einem 10.000-Studenten-Protest jeden Freitag über Monate hinweg. Da kann es doch nicht sein dass ich hier hinten nach bin!
  2. Falscher Patriotismus
    Amerika ist doch das Land der Bürgerrechtsbewegung, des Civil Rights Movements? Das Land, in dem hunderttausende gegen den Vietnamkrieg protestierten und eine Hippie-Parallelkultur aufzogen? Wo sind die Revoluzzer und Troublemakers?
  3. Grössenwahn
    Als uns dann Benny, einer der fest angestellten Berater/Coaches für die Studentenregierung, uns bei einem Meeting mitteilt, dass es eine alljährliche Demonstration in Sacramento gibt, bei der tausende Studenten gegen Budget Cuts protestieren, horche ich auf.
    “Well, and last year they [A.S., Studentenregierung, Anm.d.Red.] rented two buses to send people to Sacramento, but so few people showed up that they had to cancel the buses… the last  year that we sent out students to Sacramento to protest successfully, that was in 2004. They had 100 or 150 people or so.”
    Das heisst … seit 6 Jahren gab es keinen einzigen erfolgreichen Versuch, SMC in Sacramento zu vertreten und die Stimmen dieser Studenten hörbar zu machen. Wir – SMC – sind eines der besten Community Colleges in den ganzen USA, und wir bringen es nicht einmal zusammen, unsere Studenten zu mobilisieren?! 2004 war besser als wir? Na fix nicht, nicht mit mir an Bord –

Auf in den Kampf!

Ich halte eine feurige Rede über meinen Plan, den 2004-Rekord zu übertrumpfen, die Demonstrationskultur wiederauferstehen zu lassen und mal ordentlich reinzuhauen, bekomme ein bisschen Beifall von meinen Regierungskollegen. Jetzt ist es an der Zeit, ihnen alle meine Idee in den Kopf zu pflanzen.

Über eine Woche hinweg beginne ich Dinge vorzubereiten, und sülze meinen Partnerkönigen die Ohren voll, um sie aufzuhetzen. Der Plan funktioniert, und mehrere Leute von der Studentenregierung vereinen ihre Kräfte mit meiner Idee. Ich kollaboriere mit den Sekretärinnen, um ein paar Busse zu mieten, und setze einen “Funding Request” auf. 6500 Dollar soll der Spass kosten, und da bin ich mir nicht zu billig – bisher habe ich in den mir gegebenen Geldtöpfen gespart wo es ging, aber jetzt ist es Zeit, die Marie mal tanzen zu lassen – für einen guten Zweck, der allen Studenten am SMC dient, denn dazu sind wir als Studentenregierung aka Associated Students aka A.S. aka SMC Hochschülerschaft ja da.

Ich beginne, grosse Tabellen in Word auszudrucken, um mich des Nachts mit Papier einzuhüllen und … nein, sondern um Namen, Telefonnummern und Emails zu sammeln. Wozu? Um Interessenten zu bekommen bevor wir überhaupt erst loslegen. Das gefinkelte an der Studentenregierung ist es immer, dass eine Idee ca. 1.5 Wochen benötigt, um durchgesetzt zu werden:

  1. Erst muss ein Funding Proposal geschrieben werden (ein grosses Formular, in dem die einzelnen Kostenpunkte aufgeführt werden, Gesamtkosten und Verantwortliche bestimmt werden). Dem Proposal müssen Quoten angehängt werden, also offizielle Kosten-Statements von bestimmten Firmen, die die benötigten Leistungen oder Produkte zur Verfügung stellen.
  2. Dann wird es mittwochs im Finance Meeting Approved oder Rejected, wobei mind. eine Person das Proposal tragen muss, also z.B. Fragen beantworten, Feedback geben und gegebenenfalls um den Geldbetrag verhandeln, wenn die Finanzabteilung (das wäre in dem Fall Vince, der Director of Budget Management und Tiffany, die A.S. Präsidentin) Bedenken zur Summe oder bestimmten Posten hat.
  3. Und daaann, am folgenden Montag, wird es beim Board of Directors Meeting besprochen und adjustiert, angenommen oder abgelehnt.

Husteln nach Unterschriften am Quad, 1728 Signaturen für den Faculty-Trip nach Sacramento

Jedenfalls begeben Lorena, Yonatan und ich uns dann auf den Quad, um diese Tabellen voll mit Namen zu kommen. Ich will den Rest des Boards davon überzeugen, 3 Busse zu mieten – etwas bisher noch nicht gesehenes am SMC (soweit ich das weiss) – alle für die fast 9-stündige Fahrt nach Sacramento. Wir husteln und prostituierenn uns am Quad bei den verkehrsträchtigsten Zeiten, wo die meisten Studenten auftauchen. “Defend your Education”, schreien wir, “Unit prices between $36 and $66?!”, schreiben wir auf Poster, “Free Trip to protest in Sacramento against the Budget Cuts!”, steht über der Tabelle.

Ein paar ignorante Penner antworten auf die Frage “Do you care about your education? It might become twice or thrice as expensive” mit “I don’t care, I graduate this semester”. Das macht mich stinkewütend, wie kann man nur so weltfremd sein  – schliesslich sind es ja auch die folgenden Generationen und Jahrgänge, die unter wachsenden Studiengebühren zu leiden haben … aber so ein Gruppenbewusstsein scheint es bei manchen Soziopathen am Campus einfach nicht zu geben. Die Aktion fruchtet allerdings langsam, und andere Mitglieder vom Board of Directors, wie etwa David oder Vince, beginnen mich und meine Commissioners (Mitarbeiter meines Publicity-Departments, in dem Fall Lorena [meine Freundin] und Yonatan [Produzent von “Terminated”] ) bei unserer Aktion am Quad zu unterstützen. Andere beginnen, diese Tabellen in ihre Klassen mitzunehmen – Politische Wissenschaftsklassen sind dafür besonders gut geeignet; ich verzeichne gute Nummern in Kunstklassen.

Die Liste im Close-Up: So ködern wir Studenten, für sich selbst und ihre Mitstudenten Verantwortung zu übernehmen.

Die Liste im Close-Up: So ködern wir Studenten, für sich selbst und ihre Mitstudenten Verantwortung zu übernehmen.

Nebenbei macht die Faculty Association, so etwas wie eine SMC-interne Professorengewerkschaft, eine zweite Akion: Unterschriftenkarten, die sie auf eine grosse Konferenz eine Woche vor dem “March in March” Protest mitnehmen wollen. Da ihnen die Manpower fehlt, fragen sie bei uns nach, und ich erkläre mich bereit, Verantwortung zu tragen. Innerhalb weniger Tage sind alle Postkarten ausgefüllt, also gehe ich zu den Büros der FA (bei denen ich noch nie war), und treffe eine nette Dame namens Mitra, die mir mehr Postkarten verspricht.

An einem Tag 300 Unterschriften, am nächsten 500. Boah, da waren wir stolz.

An einem Tag 300 Unterschriften, am nächsten 500. Boah, da waren wir stolz.

Zwei Tage später haben wir mehr als eintausend neue Karten, und unsere Kampagne geht weiter. Ich lasse alle möglichen Sachen rechts und links liegen: Hausaufgaben, Filmschneiden, Filmeschauen, selbst romantische Zweisamkeiten kommen zu kurz. Zu recht, denn innerhalb von etwa zwei Wochen sammeln wir sage und schreibe 1728 Karten. Als ich die Karten gerade abliefern will, komme ich auf die Idee beim Corsair, der Unizeitung, hineinzuschauen – ich habe inzwischen eine enge Verbindung mit dem Chefredakteur aufgebaut und bin ein halbwegs bekanntes Gesicht in ihrem Büro – und der Hauptfotograf kommt mit mir mit in das Büro der FA. Dort platzen wir in eine verschhwörerische Runde von Professoren herein, die eine Menge Süssigkeiten und Jause auf ihrem Konferenztisch stehen haben und anscheinend gerade über die Staatsregierung herziehen. Einer der Professoren kramt beim Anblick meines Kartenhaufens seinen eigenen Kartenhaufen hervor, und insgesamt liegen dann fast 3000 Postkarten am Tisch – das sind ca. 10% aller SMC-Studenten, ein ziemlich grosser Anteil, wenn man sich unseren kurzen Zeitraum für das Projekt zu Gemüte führt.

So sieht unser Stapel am Ende aus: 1728 Signaturen. Ab damit zur Faculty Association, die diese Unterschriften für Meetings in Sacramento benutzen wird.

So sieht unser Stapel am Ende aus: 1728 Signaturen. Ab damit zur Faculty Association, die diese Unterschriften für Meetings in Sacramento benutzen wird.

Der Corsair berichtet über unsere Aktion und setzt mich prominent in ihren Artikelso sieht es im Druck aus – (nachdem sie bereits zwei Artikel über mich geschrieben haben) – als Anführer der Raunzermeute … es wird wirklich Zeit für uns Associated Students, unsere Studenten nach Sacramento zu bringen wie Moses schon seine Peoples durchs rote Meer geführt hat. Vielleicht nicht ganz so nass, aber mindestens genauso episch. Das geht nur, wenn alle am Board an einem Strang ziehen; schliesslich sind wir eine absolut demokratische Organisation.

Busflotte, wir kommen – eine Woche noch bis wir nach Sacramento düsen

Mein Busplan wird im Finance Committee unterstützt; wir haben 200+ Interessenten per Unterschriftenliste gesammelt, und die 3 Busse mit 165 Passagieren werden an das Boardmeeting weitergeleitet. Ich habe Meetings hinter den Kulissen, bei dem wir Klo- und Essens-Stops planen, einen Zeitplan zusammenstellen und verschiedene Dinge finalisieren. Ich verwerfe meinen anfaenglichen 5-Busse-Plan, da er zu teuer wäre und 250 Leute unrealistisch sind, wenn wir gerade einmal ca. 250 Interessenten haben (die müssen im Endeffekt dann ja aber auch auftauchen, und die Hälfte flaked sicher!).

Die massenhaften Interessenten - zuerst mit Hand eingetragen, dann im Computer abgetippt (danke Hiroki!) und ange-emailt.

Die massenhaften Interessenten - zuerst mit Hand eingetragen, dann im Computer abgetippt (danke Hiroki!) und ange-emailt.

Beim Boardmeeting zeige ich meine Interessentenlisten – und jetzt sind es wirklich schon eine Menge, wie man im obenstehenden Bild sehen kann. Das Board stimmt – soweit ich mich erinnern kann – einstimmig für meinen Vorschlag, drei Busse gen Sacramento zu senden. Hier kann man sich die Agenda des Meetings im Originalwortlaut ansehen: Agenda 7.3.2011 A.S. Board Meeting

Jetzt wird es richtig hart: Wir haben uns auf ein $10 Deposit geeinigt, das jeder Teilnehmer hinterlegen muss, um sich einen Sitzplatz zu reservieren; bei Abfahrt bekommen dann alle, die aufgetaucht sind, ihr Geld zurück. Das Boardmeeting ist am Montag, die Deadline um sich einzutragen wird am Donnerstag Abend sein, die Busse sollen am Sonntag Abend abfahren und Montag Abends wieder zurückkommen.
Ich habe drei Tage, um 150 Leute auf die Busse zu bringen; Donnerstag Abend wird die Busfirma angerufen, um gegebenenfalls Busse zu canceln, falls ich die Nummer nicht schaffen sollte.

Dienstag – es melden sich 20 Leute an. Verflucht, ich brauche 50, sonst wird das nie etwas.
Mittwoch Abend – jetzt sind es gerade einmal 45. Ich emaile Leuten wie verrückt, Facebooke, twittere, emaile alle in den Listen, kreiere einen Facebook-Event und spezifiziere, dass JEDER Teilnehmer zum A.S. Office kommen muss, um sein Deposit zu bezahlen.

Donnerstag Morgen – ich komme um 9.20AM mit Lorena aus unserer PoliSci-Klasse heraus, stürme gen A.S., drucke einen riesigen Haufen Zettel “Come to Sacramento” usw. aus, hänge sie quer über die Cafeteria, Lorena teilt sie an Leute aus, ich verkünde “Today is the last day to sign up!”, laufe zurück in das A.S. Office.

Wir haben gerade einmal 60 Leute, die sich angemeldet haben. Ich schicke noch allen eine Erinnerungsmail, schreibe noch auf ein paar Facebook-Walls und bin gerade dabei, mich mit einem Tisch aufzumachen zum Quad, um ein paar Demonstranten von einer Subgruppe meine Flyer auszuteilen, damit sie doch bitte mit uns mitkommen wollen – auch sie demonstrieren, aber sind unorganisiert und bleiben am Campus. Das wäre vielleicht eine gute Quelle.

Gerade als ich bei der Tür herausstürmen will, voller Schweiss und druckfrischer Zettel, treffe ich auf unsere Haupt-Beraterin und Vorständin (sie ist seit mehreren Jahren die College-Chefin der Studentenregierung und hilft uns bei Entscheidungen) Deyna. Sie hält mich an.
“Hey Toby, I saw you have about 60 People for the bus. Just take one bus, you already did great. You probably won’t fill three buses, I mean, we have just about one full now, and the deadline is tonight…”

Shit, sie hat recht. Rein statistisch und faktisch gesehen ist das unmöglich.
Oder…?

Fortsetzung Folgt

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.