March in March – 165 von SMC nach Sacramento: Teil 2

Fortsetzung von March in March – 165 von SMC nach Sacramento: Teil 1

Haarscharf

Shit, das wird sich nie ausgehen. Es ist schon 10 Uhr, und immer noch ist gerade mal ein Bus voll, gerade mal 50 Leute. Ich drucke drei verschiedene Informationsblätter und Miniposter aus, 50 jeweils, und laufe gemeinsam mit Lorena und Mustafa nach unten, um sie unter den Leuten zu verteilen und in der Cafeteria anzukleben. Eine Stunde später sind wir alle Poster und Informationsblätter los, und die Cafeteria konnte einer Posterinvasion nicht einmal annähernd standhalten.
“Ok guys, let’s get more flyers and posters!”, sage ich, schon etwas verzweifelt. Gestern habe ich eine recht beleidigte Email – wie pussy-mässig von mir, aber was solls – an meine Co-Direktoren in der Studentenregierung geschickt, dass sie jetzt alle noch einmal fest anpacken müssen, sonst wird das nichts und wir haben effektiv versagt. Ich bin mir nicht sicher, ob das etwas geholfen hat, drucke aber wieder Flugblätter aus und bin gerade dabei, aus dem Büro herauszulaufen, als ich mich erinnere, dass die Leute am Rezeptionstisch unseres Bürokonglomerats ja die offiziellen Anmeldungen und 10$-Deposits verwalten.
“Hey guys, what’s the count now?”
“80, I think. Or 90.”

Was! Wie geht denn das, in der letzten Stunde haben sich plötzlich 30 Leute angemeldet, obwohl in den letzten drei Tagen nur 50 Anmeldungen insgesamt reinkamen? Saugeil. Ich renne weiter herum mit Lorena, wir arbeiten wie die Tiere – reden Leute an, kleben mehr Poster auf, usw. usw.
Das nächste Mal, wie ich dann nach einem gemeinsamen Mittagessen mit meiner Trude im Büro vorbeischaue, sind es bereits 125 Anmeldungen. Ich sehe Deyna, unsere Beraterin, die mir heute morgen sagte “Finde dich einfach damit ab, dass wir nur einen Bus vollbekommen. Das passt schon, ist auch eine tolle Leistung.”
“Hey, Deyna! Guess how many people we have signed up!”
“I don’t know, how many?”
“65! Maybe we get a second bus full!”
“Oh, yes, maybe…”
“Just kidding, it’s already 125.”
Sie sieht mich komplett entgeistert an, und ich schwirre ab, noch eine letzte Tour machen. Es gibt kein besseres Gefühl als unterschätzt zu werden.

Um vier Uhr sind es dann 150 Anmeldungen, und ich packe meine Sachen. Das wird ein Full House, ich habe meine Arbeit getan. Um fünf bekomme ich einen Anruf: “Hey Man! I heard you do the Sacramento trip, is there still a spot free?” “Actually, you might just get there in time, there were like 15 spots left an hour ago, it’s been filling up crazy fast!”
Der Anrufer ergatterte dann noch einen der letzten zwei spots.

Letzte Vorbereitungen

Ich unterhalte mich noch mit einem Journalisten von einer Santa Monica-Zeitung und Lorena ersetzt mich Freitags bei dem letzten Pre-Trip Meeting da ich auf dem Filmset von “Out into the Light” Kameramann bin. Als ich dann am Abend bei ihr zuhause vorbeikomme, zeigt sie mir, was sie den ganzen Tag lang gemacht hat: Poster gemalt. 165 Stück, für jeden SMC-Studenten eine. Ich weiss gar nicht, wie ich ihr danken soll – sie hat ihren ganzen Tag damit verwendet und auch noch 60 Dollar für Materialien ausgegeben – sowas leidenschaftliches macht einfach niemand sonst, und das macht Lorena so besonders.
Sonntags um 22:00 werden wir dann von ihren Eltern beim SMC abgeladen, in kompletter SMC-Montur: Kappe, Shirt und Pullover, alles SMC-blau mit collegeeigenem Aufdruck. Im Büro wartet schon ein anderer, und innerhalb einer halben Stunde sind wir fast 30 Leute im Büro. Auf zwei grossen Wägelchen transportieren wir Essen und Trinken zum offiziellen Treffpunkt, wo sich schon eine beachtlich grosse Meute eingefunden hat. Es sind mehr als 100, und noch keine Busse weit und breit. Die Energie ist super, die Leute aufgeregt; ein paar kommen her und schütteln mir die Hand oder geben mir eine “Oh my god, thank you sooo much”-Umarmung.

Und ab die Post, für 9 Stunden in Richtung Sacramento

Zwei Busse treffen ein; die Meute setzt sich langsam in Bewegung. Die Büro-Mitarbeiter von der A.S. haben grosse Sign-up Listen und Armbänder vorbereitet; lange Schlangen bilden sich vor den Bussen. Wir steigen in die Luxus-Charterbusse ein; ich und Lorena bekommen die Frontsitze von Bus Nummer 2 als “Bus Captains”, ich hole noch schnell 150 Kopien des SMC Corsair, der College-eigenen Zeitung, die von kaum jemandem gelesen wird, weil niemand wirklich weiss, was diese aufgelegten Zeitungen eigentlich sollen. Die Busse füllen sich, Leute sind ruhig oder jubeln, und fast alle sind in die bereits verteilten Zeitungen vertieft – ein “Proof of Concept”, dass die Zeitung eigentlich eh super ist, bloss dass sie sich zu wenig selbst bewirbt.

Im Bus 2 sind schon alle aufgeregt - um 11 Uhr nachts

Im Bus 2 sind schon alle aufgeregt - um 11 Uhr nachts

Neun Stunden später - es ist wieder hell draussen, und wir sausen in ein komplett verregnetes Sacramento.

Neun Stunden später - es ist wieder hell draussen, und wir sausen in ein komplett verregnetes Sacramento.

Ich unterhalte mich bis tief in die Nacht mit unserem Busbegleiter, der einmal A.S. President beim SMC war – vor 10 Jahren oder so – und jetzt als Counselor für SMC-Studenten arbeitet. Er erzählt mir über Revoluzzer und Troublemaker, über Diskussionen und lästige College-Deans und eine ganz bittere Entscheidung: Einer der damaligen Activity-Direktoren schlug vor, eine Indy-Band auf den SMC-Campus einzuladen und ein Konzert zu veranstalten. Die Band verlangte aber zwischen ein- und zweitausend Dollar für den Auftritt, und der Antrag wurde abgelehnt. Diese Band … waren die damals unbekannten Black Eyed Peas.
Ich schlafe ganz gemütlich, bis wir nahe an Sacramento drankommmen; der Bus fährt durch eine historische Altstadt, die aussieht wie ein viktorianischer Boulevard mit Western-Saloons, dann geht es um 7 Uhr morgens zum Frühstück bei McDonalds. Ich nehme mir ein Frühstücksmenü das an 1000 Kalorien grenzt – der Protestmarsch wird hart werden.

Whose Education? Our Education!

Wir treffen viel zu früh auf dem Sammelplatz ein; die Busse lassen uns hier raus, denn die  Busfahrer müssen jetzt ihren wohlverdienten Schlaf in einem nahegelegenen Hotel bekommen. Wir verteielen Essen, Wasser  und die Protestschilder, die Loren im Schweisse ihres Angesichts gemacht hat. Dann … beginnt es zu schütten. Viele der Signs verschmieren und verrinnen, doch die Stimmung bleibt weiter positiv – schliesslich geht es ja um ca. 400 Millionen verfluchte Dollar, die gekürzt werden sollen.

“Whose Education? Our Education!”, “The Students united can never be devided!” – unter dem und vielen anderen Sprüchen startet die Demo dann nach etwa zwei Stunden im Regen stehen und zusammenwarten, bis Colleges aus ganz Kalifornien eintreffen; einige sind per Flugzeug angekommen, andere wie wir mit Charterbussen. Insgesamt finden sich wohl so um die 10.000 Studenten zusammen; ein tolles Gefühl, aber trotzdem irgendwie vergleichsweise wenig, wenn ich daran denke, dass in Wien jede Woche Freitags 10.000 Studenten über Monate hinweg protestierten und allein der Grossraum Los Angeles mehr Einwohner hat als ganz Österreich. Wurscht, die amerikanische Protestkultur ist eben vom Aussterben bedroht – das macht uns nichts, wir hauen jetzt voll auf die Pfanne; ich werde Ihnen, lieber Leser, meine Anekdoten ersparen und Bilder sprechen lassen.

Ein Gruppenfoto der 165 Mann und Frau starken Truppe, die es vom Santa Monica College bis nach Sacramento geschafft hat.

Ein Gruppenfoto der 165 Mann und Frau starken Truppe, die es vom Santa Monica College bis nach Sacramento geschafft hat.

Hiroki und eine Kamera, die die Associated Students bereitgestellt haben: Wir wollen den Protest dokumentieren.

Hiroki und eine Kamera, die die Associated Students bereitgestellt haben: Wir wollen den Protest dokumentieren.

Zwei SMCler beim Zusammenwarten - es regnet in Strömen während wir auf das Eintreffen anderer Unis warten; viele von unseren Schildern verschmieren leider. Der Student rechts ist als Korsar verkleidet - das Maskottchen unseres Colleges.

Zwei SMCler beim Zusammenwarten - es regnet in Strömen während wir auf das Eintreffen anderer Unis warten; viele von unseren Schildern verschmieren leider. Der Student rechts ist als Korsar verkleidet - das Maskottchen unseres Colleges.

Ein lustiges Pack von Troublemakern: Die Hauptorganisatoren der Demonstration. In der schwarzen Jacke rechts ist Alex, der Präsident des SSCCC - der Hochschülerschaft der California Community Colleges, dem grössten höheren Bildungssystems der Welt.

Ein lustiges Pack von Troublemakern: Die Hauptorganisatoren der Demonstration. In der schwarzen Jacke rechts ist Alex, der Präsident des SSCCC - der Hochschülerschaft der California Community Colleges, dem grössten höheren Bildungssystems der Welt.

Langsam geht es los - mehr und mehr Gruppen treffen sich und zeigen, wofür sie stehen.

Langsam geht es los - mehr und mehr Gruppen treffen sich und zeigen, wofür sie stehen.

Viele junge Menschen haben viel zu sagen - bei einigen bedeuten die vorgelegten Erhöhungen der Gebühren, dass sie nicht mehr weiterstudieren können.

Viele junge Menschen haben viel zu sagen - bei einigen bedeuten die vorgelegten Erhöhungen der Gebühren, dass sie nicht mehr weiterstudieren können.

Ein Aktivist beim Ausdruck seiner "Freedom of Speech".

Ein Aktivist beim Ausdruck seiner "Freedom of Speech".

Ca. 10.000 Studenten beim Warten auf die Demo - da gibt es dann eine entsprechend grosse Schlange zu den DIXI-Klos.

Ca. 10.000 Studenten beim Warten auf die Demo - da gibt es dann eine entsprechend grosse Schlange zu den DIXI-Klos. Da kommt die Sonne auch schon mal gerne für ein paar Minuten heraus, bevor es dann wieder zu regnen beginnt. Wären wir doch im sonnigen LA geblieben...

Die Stimmung ist am Überlaufen, und die Organisatoren haben zusehends Schwierigkeiten, die Menge auf dem Parkplatz zu halten - nach zwei Stunden Warten geht es dann los.

Die Stimmung ist am Überlaufen, und die Organisatoren haben zusehends Schwierigkeiten, die Menge auf dem Parkplatz zu halten - nach zwei Stunden Warten geht es dann los.

Beim Marsch gen das Capitol - an den grossen Bank- und Versicherungsgebäuden, die diesen Boulevard säumen, stehen Anzugsmenschen in den Fenstern und schauen unserer Prozession zu.

Beim Marsch gen das Capitol - an den grossen Bank- und Versicherungsgebäuden, die diesen Boulevard säumen, stehen Anzugsmenschen in den Fenstern und schauen unserer Prozession zu.

Aus der Mitte der Menge, als wir vor dem Capitol stehen und zwanzig Studenten/Lehrer/Politiker Reden halten - auch bei strömendem Regen ist die Stimmung kraftvoll und ungezähmt.

Aus der Mitte der Menge, als wir vor dem Capitol stehen und zwanzig Studenten/Lehrer/Politiker Reden halten - auch bei strömendem Regen ist die Stimmung kraftvoll und ungezähmt.

Tausende Community-College-Studenten vor dem kalifornischen Capitol; TV-Sender sind live vor Ort.

Tausende Community-College-Studenten vor dem kalifornischen Capitol; TV-Sender sind live vor Ort.

Nach der Demonstration haben wir noch etwa drei Stunden, um Sacramento zu erkunden; wir schlagen uns nach "Old Town Sacramento", wo es aussieht wie in einem Western.

Nach der Demonstration haben wir noch etwa drei Stunden, um Sacramento zu erkunden; wir schlagen uns nach "Old Town Sacramento", wo es aussieht wie in einem Western.

Auf dem Rückweg fahren wir an einer Mastfarm für Rinder vorbei - tausende Kühe auf kleinstem Platz.

Auf dem Rückweg fahren wir an einer Mastfarm für Rinder vorbei - tausende Kühe auf kleinstem Platz.

Auch am Heimweg entdeckt: Der California Aqueduct, der Wasser vom Norden Kaliforniens bis nach Südkalifornien transportiert.

Auch am Heimweg entdeckt: Der California Aqueduct, der Wasser vom Norden Kaliforniens bis nach Südkalifornien transportiert.

Medien

Mehr Photos gibt es auf Facebook (kann man auch ansehen, ohne einen Account zu haben): SMC at the Budget Cut Demonstration in Sacramento

Nebenbei stelle ich sicher, dass unsere Collegezeitung involviert ist, und die Jungs und Mädels aus der Redaktion stellen ein beeindruckendes Team von 10 Leuten zusammen – folgende Artikel sind aus dem Trip hervorgegangen (da bin ich zugegebenermassen echt stolz):

“Deml said one of his teachers told their class, ” ‘If you’re not part of the solution, you’re part of the problem.'”

Was geschieht danach?

Heute – Sommer 2011 – wissen wir, dass unser Protest und viele andere Aktionen wahrscheinlich einen tollen Eindruck unter den Teilnehmern hinterliessen, aber die Politiker nicht umstimmen konnten. Die Budgetkürzungen sind bereits verabschiedet worden, und nächstes Semster werden alle Studenten in den öffentlichen kalifornischen Systemen etwa 170% mehr Studiengebühren bezahlen müssen. Trotzdem bin ich stolz und geehrt, die Teilnahme von SMC-Studenten organisiert zu haben, und der Protest hat viele von uns entscheidend geprägt – bei den Wahlen für die neue Studentenregierung 2011-2012 (die nach uns im Herbst antreten wird) stellte sich eine Gruppe zusammen, die hauptsächlich aus Sacramento-Teilnehmern bestand… Revoluzzer, Veränderer, aufmüpfige Forschrittler – gut so.

SMC Corsair: AS Election Results Announced

Santa Monica Patch: Santa Monica-Malibu Board of Education Passes $118.1 Million Budget (das sind ca. 11 Millionen Dollar weniger als letztes Jahr)

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.