Blumenfeld-Shoot in der Wüste – Tag 1: Firebird-Ficken

Als Filmemacher muss man manchmal Verluste hinnehmen. Manche Filmemacher werden wahnsinnig, manche Künstler begehen Selbstmord, manche Skulteure treiben sich in den finanziellen Ruin, manche ereilt das Schicksal des starving Artist – und manche, ja, die ficken ihr Auto eben bis es Schrott ist, bloss um ein kleines Filmchen zu drehen. So ähnlich denke ich gerade – mitten in der gottverdammten Steppe, inmitten der endlosen Mojave-Wüste etwa zweieinhalb Stunden nördlich von Los Angeles – rund um mich herum sind grosse Hügel, von trockenem Gras bewachsen, und ich stehe mitten im hohen Gras vor meinem Auto, das Dampf aus dem Kühlwasserkanister speit, in meiner Hand ein Shirt von irgendeinem Deppen, der es vor Monaten mal in meinem Auto liegengelassen hat, und ich es seitdem als Schutz für meine Hände benutze, wenn ich den Plastikdeckel aufschrauben muss um den Dampfdruck meines überhitzenden Autos zu stillen – und kochendes Wasser mir entgegenspritzt.
Oben auf einem Hügel steht Teruaki, mit der T2i beim Fotos schiessen. Hand-Empfang: Fehlanzeige. Rund um uns ist nichts als hügelige Steppe. So eine Scheisse.
Und warum all das? Ach ja ….

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Tanzen bis zum Umfallen – warum nicht mal Outdoors?

Drei Wochen zuvor: Ich betrete einen Tanzunterricht am SMC, ca. 30 Tänzerinnen und zwei Tänzer sitzen da und hören ihrem Choreographen/Tanzlehrer zu; neben ihm eine schrullige alte Dame, die so etwas wie eine verblasste Diva und jetzt freundliche Tanzlehrerin sein dürfte. Ich bedeute ihm, dass ich gerne etwas ankündigen würde; alle verlassen den Raum und er bittet mich, nächste Woche noch einmal vorbeizuschauen. Eine Woche später stehe ich wieder auf dem Vinylboden des kleinen Tanzstudios, und zeige den Mädels und Männern der Schöpfung meine Idee: Ein visueller Tanzfilm in der kalifornischen Wüste, in der in ganz bestimmten Gebieten zu einer ganz bestimmten Jahreszeiten unendlich grosse Blumenfelder einfach so aus dem Boden schiessen und den kargen Wüstenboden mit ihrer Pracht bedecken.
“See, now imagine all of you dancing in these fields, swinging around big, light cloths – you can show off your skills in a beautiful environment, and you get it on film! it’s going to be so wonderful!”, höre ich es aus meinem Bach heraus – und zwanzig Minuten später habe ich fünfzehn Kontaktadressen von Tänzerinnen, die Interesse haben. Perfekt.

Als ich damals für die DP-Position vom Kurzfilm “Out In The Light” interviewt wurde, sass da noch ein zweiter Typ, sehr nett, Steven, der von Blumenfeldern in der Wüste schwärmte. Ich dachte mir zuerst, das wäre alles reine Übertreibung, und ich würde vielleicht drei Primeln in irgendeinem Gewächshaus in der Wüste finden – aber nach einer kurzen Wikipedia-Suche und Google-Recherche bzw. Facebook-Gestalke auf Stevens Profil stellte sich heraus: Es gibt sie wirklich, diese Blumenfelder, die California Poppy Fields – ein Naturphänomen zwischen Gorman (Hügel) und Lancaster (Flachland). Gerade um Ende Mürz bis Mitte Juni herum. Seitdem konnte ich von der Idee nicht mehr loskommen, und jetzt will ich ein Filmprojekt mit Tänzerinnen in der Wüste organisieren.

Vorbereitung

Für dieses Shoot bauen wir etwas ganz besonderes: Einen Filterhalter. Dazu nehme man Schaumgummi aus dem Bastelladen, schneide ihn zurecht, baue eine Rinne, setze einzelne Schaumgummiblätter ein und befestige sie mit selbstgedrückten Tacker-Klammern, et voila: Fertiger Filterhalter!

Tutorial folgt: Für dieses Shoot bauen wir etwas ganz besonderes: Einen Filterhalter. Dazu nehme man Schaumgummi aus dem Bastelladen, schneide ihn zurecht, baue eine Rinne, setze einzelne Schaumgummiblätter ein und befestige sie mit selbstgedrückten Tacker-Klammern, et voila: Fertiger Filterhalter!

Für dieses Shoot bauen wir etwas ganz besonderes: Einen Filterhalter. Dazu nehme man Schaumgummi aus dem Bastelladen, schneide ihn zurecht, baue eine Rinne, setze einzelne Schaumgummiblätter ein und befestige sie mit selbstgedrückten Tacker-Klammern, et voila: Fertiger Filterhalter!

Tutorial folgt: Für dieses Shoot bauen wir etwas ganz besonderes: Einen Filterhalter. Dazu nehme man Schaumgummi aus dem Bastelladen, schneide ihn zurecht, baue eine Rinne, setze einzelne Schaumgummiblätter ein und befestige sie mit selbstgedrückten Tacker-Klammern, et voila: Fertiger Filterhalter!

Ich schreibe allen Tänzerinnen eine ausführliche  Email, in der ich ihnen weiterführende Links zu meinen Arbeiten und den California Poppy Fields gebe, über  den Ort, Reisezeit und mögliche Unterkunft rede. Ich rufe sie alle einmal sicherheitshalber an, und bekomme ein “I’ll tell you the details soon, but I can probably come!” von den meisten. Hiroki habe ich inzwischen auch an Bord gebracht, und Teruaki willt ein, mitzukommen. Mizuki, die bei “Terminated” die Setfotos geschossen hat und mir echt taugt, ist auch an Bord, und zwei österreichische Auslandsdiener, Daniel und Georg (die ich erst vor Kurzem kennengelernt habe und unbedingt zu etwas Abenteuerlichem mitnehmen will), sind auch mit von der Partie. Dann willigen noch zwei japanische Freundinnen von der Truppe – eine davon ist auch in der Tanzklasse, in die ich gegangen bin – ein, mitzukommen und zu tanzen.
Von Eurie – einer guten Freundin von Lorena, die auf eine Modeschule geht – bekomme ich wunderschöne Seidenstoffe (try to be careful, Toby!) ausgeliehen, und eine Freundin vom SMC, Bryn überredet ihren Papa – der eine Menge Stoffgeschäfte in LA besitzt – mir noch ein paar schön lange Stoffe zu leihen.

Es könnte ja kaum besser laufen; ich habe alles im Auto verstaut, und mache drei Tage vor Abfahrt einen Rundruf bei den Tänzerinnen, und plötzlich sagt die Hälfte ab. “There’s an important dance pracitice on Sunday, so I could only come on Friday or Saturday…”
WTF? Schweinderl! Sonntag war unser Haupt-Filmtag! Naja, solange sie wenigstens an einem der Tage kommen…

Tja, und wie es sich dann entpuppen sollte, tauchen die unzuverlässigen Tänzerinnen dann gar nicht auf, keine einzige – bis auf die zwei japanischen Mädels, wobei nur eine von ihnen von der Tanztruppe kommt. 1 out of 15 – solche Schwachbirnen, mit denen arbeite ich sicher nicht wieder – da stelle ich mich als tanzendes Rumpelstilzchen lieber selber vor die Kamera.

Ab nach Gorman

Auf jeden Fall fahre ich dann mit Teruaki los, anderthalb Stunden weit nördlich vom versmogten Los Angeles, und zwar in die Wüstenmetropole Lancaster, wo wir uns ein romantisches Motelzimmer im Motel 6 gönnen, unsere Bäuche mit ungesund-leckerem Amerikapommes-Gulasch vollstopfen, und dann mit dem röhrendem Firebird westlich in die totale Einöde schiessen. Zwanzig Minuten ausserhalb Lancaster halte ich an: Erstmal spiegeln sich alle Autos in den Strassen, als würden sie auf Wasser fahren – das nennt man Fata Morgana, lieber Kinder – und ich finde das ausserordentlich lustig… und zweitens sehen wir zu unserer Linken ein von Überland-Hochspannungsmasten umgebenes Blumenfeld, voll von satt-orangen, zarten Blumen mit grossen, dünnen Blütenblättern. Wir schiessen ein paar Testfotos, markieren den Ort auf unserer ausgedruckten Googlemaps-Karte, und fahren weiter.

Goodbye, Zivilisation, hello Mojave.

Goodbye, Zivilisation, hello Mojave.

Endloses Gras - auch das kann Wüste sein. Oder?

Endloses Gras - auch das kann Wüste sein. Oder?

Teruaki freut sich über die Fata Morganas.

Teruaki freut sich über die Fata Morganas.

Irgendwo am Horizont – so vier Kilometer weiter – sehe ich ein anderes, grösseres Blumenfeld… zumindest bilde ich mir das ein. Tatsächlich, noch mehr Blumen, noch intensivere Farben, grosse Klasse. Wir befinden uns in einem endlosen Tal, links und rechts im Dunst steigen sanfte Berge aus der Wüste auf, vor uns nur Hochspannungsmasten und endlose Häuserblocks ohne Häuser mit den romantischsten Strassennamen “J, K, L…” und “113th, 114th, ..”.

Warum sind wir noch einmal hier? Ach ja, der Blumen wegen.

Warum sind wir noch einmal hier? Ach ja, der Blumen wegen.

Das bin ich. Inklusive Fata Morgana und selbstgefälligem, dummen Grinsen.

Das bin ich. Inklusive Fata Morgana und selbstgefälligem, dummen Grinsen.

“Hey, Teru, look, I think there is another flower field with other flower colors!”, rufe ich. WROOOOOMMMM – und weiter gehts. Das Dröhnen des Motors wird von einem krachenden Kieselgeräusch abgelöst; unsere Fahrbahn wird zu einer Schotterstrasse. Dann zu einer Sandstrasse. Dann zu einem Feldweg, auf dem nur mehr Traktoren und Pickup-Trucks fahren sollten. Aber jetzt, wo wir schon so weit gekommen sind, lasse ich mich doch nicht einfach ausbremsen, das wäre doch doof. Ein kleiner Abhang kommt, dahinter bestimmt das Blumenfeld.
Doch dahinter ist ein weniger kleiner Abhang, dann ein Hügel, und hinter dem ist dann sicher das Blumenfeld.
Doch dahinter ist ein mittlerer Abhang, dann ein dezenter Hügel,und hinter dem ist dann sicher das schöne Blumenfeld.
Doch dahinter ist ein grösserer Abhang, dann mittlerer Hügel, und hinter dem ist dann sicher das Blumenfeld, glaube ich zumindest.
Doch dahinter ist ein recht fetter Abhang, dann ein steiler Hügel mit einem Trampelpfad anstatt einem Feldweg, und hinter dem ist dann sicher das schönste aller Blumenfelder.

Diese Hügel? Kein Problem für den Pontiac Firebird. Der hält alles aus.

Diese Hügel? Kein Problem für den Pontiac Firebird. Der hält alles aus.

Das Schönste aller Blumen… Fata Morganas

“Alright, this might get a little bumpy!”, sage ich, und lege los, mit gut betätigter Bremse und schwammigem Lenkrad. Zu meiner Linken ist der halbe Feldweg weggespült und es geht einen halben Meter tief hinunter – wenn ich da mit dem Reifen reinrutsche, sitzt das Auto auf den Achsen auf und ich kann mich fürs erst von meinem Wagen verabschieden. Todesangst. Fahre über einen Busch, weiche aus. Die unsichtbaren Regenfluten haben ein trockengelegtes Bachbett in den Feldweg gefressen; mit Not und Glück schaffe ich es, alle fetten Abrisse und Einbrüche zu umschiffen. Das Auto rumpelt erbärmlich, stösst laut an gehärtete Fahrbahnerde, streift unsanft durch das Gras des Abhangs, und mit einem lauten Krachen komme ich in die Ebene des Tals. Mir gegenüber: Ein unbezwingbarer Hügel, grossteils mit trockenem Gras überwachsen; der Feldweg durchzieht wir eine schräge Linie einfach so den Hügel, hat eine unmenschliche Neigung.
“Ready, Teru? This might hurt.”

Wwwwrromommmmm – mit locker fünfzig km/h beschleunige ich auf den Hügel zu, laut scheppernd über den schon seit lange nicht mehr benutztem, total unebenen Feldweg. Ich höre das Metall meiner Unterseite gegen alle möglichen Trümmer in der Fahrtrinne stossen, aber fürs Flennen ist jetzt keine Zeit. Ich fahre den Hügel hoch, werde langsamer, fette Beulen im Boden, grosse Ex-Rinnsaale, Kluften in der Fahrbahn, meine Geschwindigkeit hat einen Limes=0, shit, Reifen drehen im Dreck durch, ich komme von der Fahrbahn ab, ins Gras, Reifen drehen weiter durch, plötzlich kann ich nichts mehr sehen, dann merke ich, dass das Auto auf meine Seite geneigt ist, wir von einer fetten Dreckswolken umgeben sind, meine  Kühlwasseranzeige jenseits der 280 Fahrenheit Maximaltemperatur im roten Bereich liegt, Rauch und Dampf von der Kühlerhaube mischt sich mit der Staubwolke der Durchdrehenden Reifen; ich abseits der Fahrbahn, der Wagen bereit, sich über meines Seite hinweg den Hügel hinab zu überschlagen. Scheisse scheisse, lege den Rückwärtsgang ein, scheisse shiat keine Ahnung, was hinter mir ist, shit, bin ja nichtmal auf der Fahrbahn, kacke, nein lieber Gott bitte nicht, oh oh, so wie damals als ich einen fetten Unfall am 101er-Freeway gebaut habe, ohne jegliches Denken, nur Instinkte, an der Bauchseite des Autos kratzen dicke Steinbrocken, der Firebird wird vom Gelände ordentlich durchgefickt, nein, Teruakis Gesicht signalisiert dass es sich hier wohl um Fahrzeugbukkake handeln muss, es rumpelt und scheppert nur mehr, wir rollen rückwärts, fahren gegen alle möglichen Brocken, den Wagen hebt es hoch und wirft es runter, rein und raus, shit shit, fuck, was geht hier ab, RUMPEL SCHEPPER SCHEISSSEEEEEEE und BUMM.
Der Wagen bleibt stehen.
Wir sind im Tal.
Ich springe aus dem Auto, reisse die Motorhaube auf, schnappe mir ein dreckiges T-Shirt das ein Depp in meinem Auto vergessen hat, schraube den Kühlwasserdeckel auf, kochendes Wasser speit heraus.

Ich blicke um mich. Nichts. Nur Hügel, Teruaki und ein komplett durchgenommener Pontiac Firebird. So eine verfluchte Scheisse.

So eine Scheisse! Firebird und altes, vergessenes T-Shirt.

So eine Scheisse! Firebird und altes, vergessenes T-Shirt. Der Hügel im Bild ist komplett irreführend.

Im Endeffekt…

… muss ich da jetzt nur mehr rauskommen. Zwanzig Minuten und einige Daumenpeilungen später entscheide ich, dass wir querfeldein durch hohes Gras fahren müssen, um eine weniger steile Stelle zu erreichen, wo wir den Rückweg antreten können. Der Hang, auf dem wir gekommen sind, ist zerbombt wie Dresden vor 70 Jahren, der Hang vor uns ist so steil wie das Dach des Stephansdoms in Wien – das Gras neben uns so hoch wie meine Hüften im Auto. Querfeldein – hoffentlich gibt es keinen Bach oder so etwas, sonst sind wir geliefert. Gibt es dann nicht, nur ein paar fette Felsbrocken sind im Gras versteckt, und diese machen Bekanntschaft mit meinem Benzintank und anderen diversen Eingeweiden meines goldenen Flitzers. Auf der anderen Seite der grossen Wiese angekommen, stelle ich den Motor ab, wandere den neuen Feldweg bis zum Hügel ab, stelle fest, dass eine riesige Delle im Boden direkt vor dem Hügel liegt. Um die Delle werde ich nicht herum kommen, und diesmal muss ich den Hügel mit locker 40 mph (gefühlte 60 Millionen km/h) anfahren – dass mein Auto sehr tief liegt und sich komplett in der Delle eingraben wird, gehört einfach zum Package. So in etwa kann man sich dieses Profil vorstellen:

Na dann, nur mal los. WRooooeeeeemmmmmm waaaahhhh!
Ich donnere dem Hügel entgegen, wie ein Skispringer, an mir brausen die hohen Gräser vorbei, BUMM, fett die Schnauze des Wagens in die Delle gehauen, der Wagen wird vorwärts katapultiert, die Türen springen halb aus ihren Angeln, und über einen zerklüfteten Feldweg hinauf schiesst der Wagen auf eine Anhöhe. Dort: Nichts. Durch das steppige Gras krieche ich mit dem Wagen die Hügelrücken entlang, für locker 20 Minuten, bis ich wieder Zivilisation erreiche. Ein komisches, kratzendes Geräusch verfolgt mich. Ich steige aus, schaue unter den Wagen. Ach du heilige Scheisse:
Mein Auspuff samt Vergaser und Rohr – sieht so aus wie ein Ober- und Unterarm, eine rechtwinklige Konstruktion – hat sich um 180° gebogen, und schaut jetzt nicht mehr hinter dem Wagen hervor, sondern schleift direkt neben dem Reifen, nach vorne schauend, am Boden daher. Klar – beim Rückwärtsrollen über den einen Mörderhügel muss sich der Auspuff wohl mit einem Felsbrocken verkantet haben, die Aufhängung abgerissen sein, und das gesamte Auto hat  sich wohl über das Auspuffrohr drübergehoben und es 180 Grad verdreht. Kurze Panik, dann erinnere ich mich an das Plastikseil, Messer und Duct-Tape, welche ich im Wagen habe. Zwanzig Minuten später habe ich das Rohr mit zwei Seilen an das Gerüst des Wagens gebunden, sodass es nun romantisch im Radkasten hervorlugt, nur wenige Millimeter über dem Hinterreifen.  Die Knoten eines Plastikseils halten nichts aus, also sind sie alle mit Duct-Tape verklebt.

Komplett seriös: Die 180° verbogene Auspuffstange samt neumodischer Seilaufhängung.

Komplett seriös: Die 180° verbogene Auspuffstange samt neumodischer Seilaufhängung.

Meine Hand mitsamt Battleplan - von Ölgeschmiere verdreckt, selbst ist der Mann!

Meine Hand mitsamt Battleplan - von Ölgeschmiere verdreckt, selbst ist der Mann!

Die zwar schönen aber blumenlosen Hügel von Gorman - der überlange Schneefall hat alle Blumen im Keim erstickt.

Die zwar schönen aber blumenlosen Hügel von Gorman - der überlange Schneefall hat alle Blumen im Keim erstickt.

Zwei Stunden später stehen wir in Gorman vor riesigen … Grashügeln. Nach ein paar Nachforschungen erzählt uns eine Eingeborene in der Fastfoodkette McDonalds, dass der Winter zu lange war und alle Blumen jenseits von 20 Meilen östlich von Lancaster zerstört hat. Ach, so eine Scheisse. Dann, bei der nächsten Tankstelle, bemerke ich, dass einer meiner Reifen platt ist. Reifenwechsel? Gibts hier nicht. Viel besser: Einfach Luft reinpumpen und weiterfahren.

Wir durchforsten diesen verlassenen Lagerschuppen - ausser ein paar verbuddelten Leichen nichts zu finden.

Wir durchforsten diesen verlassenen Lagerschuppen - ausser ein paar verbuddelten Leichen nichts zu finden.

Eine unserer Entdeckungen: Ein verlassener Wohnwagen.

Eine unserer Entdeckungen: Ein verlassener Wohnwagen.

Der verlassene Wohnwagen inmitten der Wüste von aussen.

Der verlassene Wohnwagen inmitten der Wüste von aussen.

Der Rest des Tages war schön, warm und fad.

So lässt sich das ganze nacherzählen – naja, abgesehen von der Idee – klar, mal wieder war ich der Depp – zu einem der Berge vorzustossen und 20 Minuten ins Nichts zu fahren und den Sonnenuntergang mit ein paar gelben Blumen zusammen zu filmen. Bei unserer Rückkehr zur Hauptverkehrsstrasse höre ich dann etwas ganz komisches … ach ja, der platte Reifen. Ein kurzer Blick bestätigt: Der ist jetzt komplett platt, und eine Tankstelle gibt es hier weit und breit nicht. Ich hole  den Wagenheber, Schraubschlüssel und Reservereifen hervor, kniek-kniek-kniek pumpe das Auto hoch, und hebe mir fast einen Bruch beim Versuch, die Schrauben vom Rad zu entfernen – komplett festgefressen.

Teruaki und ich beim California Canal - hier wird Wasser von Nordkalifornien nach LA transportiert.

Teruaki und ich beim California Canal - hier wird Wasser von Nordkalifornien nach LA transportiert.

Der beinahe platte Firebird bei Sonnenuntergang.

Der beinahe platte Firebird bei Sonnenuntergang.

Ein paar Einsiedler ziehen doch glatt die Wüste der Zivilisation vor...

Ein paar Einsiedler ziehen doch glatt die Wüste der Zivilisation vor...

Also, wieder runter mit dem Wagen, alles Gewicht auf die andere Seite verlagert – der arme Teruaki muss sich unter unser Gepäck auf den Rücksitz wühlen, damit weniger Gewicht auf dem komplett platten Reifen lastet, und ich fahre los. Es ist stockdunkel. Ich biege auf die Überlandstrasse ein, das flap-flap-flap-Geräusch erreicht höhere Frequenzen, ich erreiche ca. 80 km/h, und kaum düse ich schön dahin, steigt ein übler Geruch in meine Nase – verfixtes Plastik. Gummi. Reifengummi. Rechts ranfahren, und es war in letzter Sekunde. Der Reifen hat sich komplett dematerialisiert, für hundert Meter hinter dem Auto sehe ich Gummibrösel mit meiner Taschenlampe. Ich rufe Triple-A an, bestelle mir eine neue Mitgliedschaft, danke sehr, jetzt brauche ich Abschlepphilfe.

Gummibrösel in the Floor without Diamonds.

Gummibrösel in the Floor without Diamonds.

Gerade noch - ein paar Meter weiter, und ich hätte die Felge kaputtgefahren. Darf ich vorstellen: Testsubjekt #20134: Verdampfter Firebird-Reifen.

Gerade noch - ein paar Meter weiter, und ich hätte die Felge kaputtgefahren. Darf ich vorstellen: Testsubjekt #20134: Verdampft-zerfetzter Firebird-Reifen.

Vierzig Minuten später kommt ein riesiger Abschleppwagen an, heraus steigt ein schöner Mann mit grossen Werkzeugen, legt hand an, legt meinen Wagen flach auf den Wagenheber, hebt ihn sanft hoch – und DREHT DIE VERFLUCHTEN SCHRAUBEN IN DIE ANDERE RICHTUNG!
“Lefty-loosy, righty-tighty” – warum habe ich den Wahlspruch von Lorena vor anderthalb Stunden so fest vergessen, dass ich die Schrauben in die falsche Richtung gedreht habe? Ach, was solls – der Wagen läuft nun auf Reservereifen, ich nehme mir das Gummigebrösel als Andenken mit, danke dem Gott in Latzhose und fahre gen Motel6 – selten gesehen, dass das Locationscouting verrückter als das tatsächliche Filmshoot ist.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.