Blumenfeld-Shoot in der Wüste – Tag 2&3: Tanzmarie

Fortsetzung von Blumenfeld-Shoot Tag 1: Firebird-Ficken

Am Morgen des zweiten Tages kommen Hiroki, Misaki (Tänzerin #1), Eriko (Tänzerin #2) und Mizuki (Setfotografin von “Terminated”) an. Ich breite allen die Pläne für die nächsten zwei Tage aus und bitte die Mädels darum, sich beim Motel mit den langen Seidenstoffen anzufreunden und eine Choreographie zu erfinden – einerseits habe ich kaum Ahnung von Choreograhie und andererseits will ich, dass die beiden sich kreativ betätigen können und das darstellen können, was sie wollen. Ich gebe ihnen lediglich Vorgaben, die die Geschwindigkeit und den Art von Tanz beschreibt – weiche Bewegungen, die zu der schönen Landschaft passen. In der Zwischenzeit fahre ich mit Hiroki und Teruaki zu einem Gebrauchtreifenhändler in Lancaster, wo wir uns über die Story in unserem Blumenfeldwüstenfilm unterhalten wollen. Denn: Es gibt noch keine Story. Ein gefährliches Unternehmen, doch schon wie damals im Pontiac Firebird Commercial ziehe ich eine improvisierte Story in einem improvisierten Film einer zuvor geschriebenen vor. Bei Terminated war das natürlich ganz anders, dort war Planung von absolut höchster Priorität – hier sind wir aber mehr am Herumspielen und Experimentieren, und es steht viel weniger auf dem Spiel.

Ronald, mein bester Freund in Österreich, bekommt Geburtstagsgrüsse aus Lancaster bevor wir wirklich loslegen.

Ronald, mein bester Freund in Österreich, bekommt Geburtstagsgrüsse aus Lancaster bevor wir wirklich loslegen.

Unser Traummotel

Unser Traummotel

Gesundes Frühstück

Gesundes Frühstück

Wir entscheiden uns für einen Misch-Masch zwischen zwei Konzepten, die wir uns in der vorigen Nacht überlegt haben: Mädchen, die sich im Morgengrauen auf einer Strasse treffen und gemeinsam zu tanzen beginnen, und zwei Mädchen, die aus einem Art Tiefschlaf aufwachen und ihre steifen Körper im Blumenfeld wie eine seltene Pflanze, die nur einmal im Jahr ihre Blütenblätter öffnet, zu einem geschmeidigen Tanz entfalten, und am Abend wieder verwelken.

Eine Stunde später hat mein Firebird zwei neue Reifen (der, der zerbröselt ist, und ein zweiter, bei dem schon das Drahtnetz zu sehen war, das innerhalb des Gummis eingegossen liegt). Für 20$ pro Reifen komme ich total billig mit guten, gebrauchten Reifen davon und kehre zum Motel zurück. Ich suche mit den Mädels gemeinsam passende Röcke und Oberteile aus. Eine halbe Stunde später packen wir alles in unsere zwei Autos und fahren dorthin, wo Teruaki und ich gestern unsere Drehorte markiert haben – und wissen, wo wir nicht hinfahren sollten.

Tanzen in den Blumen und ein paar Mädels mehr, ganz spontan

Keine Ahnung, wie das ganze jetzt laufen soll. Hiroki und ich bereiten unsere Shouldermounts samt 7Ds vor (ich habe eine 7D von Josh ausgeborgt), Teruaki hat seine T2i mit Tripod bereit. Gerade zur richtigen Zeit kommen die anderen Österreicher Georg und Daniel an – die sind hier auf ihren Auslandszivildienst und haben noch eine Freundin namens Dora im Gepäck – und helfen uns beim Aufbauen. Wir suchen zwei schöne Stoffe aus, und ich bitte die Mädels darum, ihre Choreographie zu proben. Nach ein paar Änderungswünschen von mir – symmetrisches Tanzen, mehr Springen, mehr Weichheit – beginnt die Choreographie nach etwas auszusehen, und wir legen los – verschiedene Winkel, verschiedene Entfernungen. Ich benutze meinen gestern gebauten Filterhalter und stecke einen Polarisierungs- und einen Gradiationsfilter (COKIN style) vor die Kamera, so sieht der Wüstenhimmel etwas dünkler aus.

Mit Gradiationsfilter und leichten Stoffen bewaffnet ziehen wir ins Feld...!

Mit Gradiationsfilter und leichten Stoffen bewaffnet ziehen wir ins Feld...!

Misaki bei ihren ersten Tanzversuchen on Location

Misaki bei ihren ersten Tanzversuchen on Location

So findet man Blumefelder: Auf Hügel klettern und am Horizont orange Streifen ausfindig machen.

So findet man Blumefelder: Auf Hügel klettern und am Horizont orange Streifen ausfindig machen.

Ein paar Touristen durchstreifen das Blumenfeld – und ich entdecke zwei Mädchen in Kleidern, die in den Film passen würden. “Hiroki, can you take over for a little bit? I’ll see if we can get a few more girls for here.”
Ich spreche die beiden an, mit meinem selbstgebauten Rig auf der Schulter. “Hey, we are shooting a dance film over here, just for fun… it’s gonna be a short musical thing where we showcase the girls dancing with fabrics and the flower fields. Do you want to join us for a bit and be in the film?”
Nach ein bisschen Überlegen willigen beide ein, kommen mit mir mit und wir unterhalten uns – zufälligerweise kommen wir drauf dass eine von den beiden ca. zwei Minuten von unserem Haus weg wohnt (direkt neben dem Stripclub). Cool, jetzt haben wir vier Mädels. Ich improvisiere eine Choreographie für die vier – ist eigentlich ganz einfach – und lasse sie ordentlich herumrennen und tanzen, wie ein Tanzlehrer der alten Schule, bloss ohne disziplinärem Bambusstock. Eine halbe Stunde später sind die zwei freiwilligen Teilnehmer komplett verschwitzt und verabschieden sich erschöpft; ich habe alles im Kasten, was ich von den vier zusammen wollte.

Die Touristinnen und Eriko beim Tanzen - Photo von Mizuki Yoshimitsu

Die Touristinnen und Eriko beim Tanzen - Photo von Mizuki Yoshimitsu

Hiroki macht noch ein paar Aufnahmen, bei denen er sich auf das Dach des Autos stellt, die Kamera an unseren Kamerakran montiert und Georg, einen der Österreicher, ihn langsam entlang des Blumenfeldes fährt. Dann sind wir fertig mit dem ersten Blumenfeld, und allen ist scheiss-heiss: Zeit für eine Pause… und wie könnte man die Pause besser nützen, als mit dem so oder so nötigen Mittagessen zu verbinden? Wir entscheiden uns für eine gesunde Jause bei In ‘n Out – gestern mit Teruaki habe ich schon ausschliesslich Fastfood (McDonalds, Wendy’s und Burger King) gegessen, also setzen wir die Tradition heute fort. Beim Essen wird weiteres Vorgehen besprochen – der Gameplan steht: Wir fahren, vollgefressen und mit High Fructose Corn Syrup aus unseren Hautporen triefend, zu einem weiteren Blumenfeld, das ich nur vage von Weitem gesehen habe. Verglichen mit dem Desaster gestern ist dieses ein voller Erfolg: Unmenschlich viele Blumen. Geil! Wir verscheuchen ein paar Touristen, packen unseren Kran mitten im Feld aus, und ich versuche, die Choreographie der beiden Mädels abzustimmen. Hiroki und ich tauschen – wie bei der deutschen Qualitätssendung “Frauentausch” – unsere Tanzmariechen: Mal fixiere ich meine Kamera am Kran und schraube an Filtern, während er sie mit seinen Vorstellungen und Regie filmt, dann umgekehrt. Teruaki ist als dritter Kameramann mit alternativen Winkeln einfrig mit bei der Arbeit. Georg schlägt vor, dass die Mädchen sich “nahe kommen sollen” (der alte Perversling) – Hiroki und ich halten das für eine gute Idee, also gibt es auch eine “fast-Kuss”-Szene, die es in mein Reel geschafft hat.

Die zwei Mädchen kommen sich näher - Photo von der talentierten Mizuki Yoshimitsu

Die zwei Mädchen kommen sich näher - Photo von der talentierten Mizuki Yoshimitsu

Gelb oder orange? Man darf sich entscheidenbergen.

Gelb oder orange? Man darf sich entscheidenbergen.

Run Forestine, Run!

Run Forestine, Run!

Dora, eine Freundin von Daniel, beim Sonnenbaden.

Dora, eine Freundin von Daniel, beim Sonnenbaden.

Georg/ Schorsch, einer der Österreicher, bei seiner Mariamuttergottes-Impression. Foto von Hiroki.

Georg/ Schorsch, einer der Österreicher, bei seiner Mariamuttergottes-Impression. Foto von Hiroki.

Sonnenuntergang und Futtersuche

Wir beschliessen den Tag, indem wir höher in die Berge fahren, in denen wir einen lila Schimmer sehen – scheinbar haben ein paar der Gräser lila Mini-Blüten. Das Licht ist perfekt, und ich habe später einen der dort entstandenen Shots als vorletzte Abschlussaufnahme meines Cinematography-Reels ausgesucht.

Gruppenfoto von der Blumen-Wüstentruppe. Vlnr.: Teruaki, Dora, Daniel, Eriko, Hiroki, Georg, Ich, Misaki, Mizuki.

Gruppenfoto von der Blumen-Wüstentruppe. Vlnr.: Teruaki, Dora, Daniel, Eriko, Hiroki, Georg, Ich, Misaki, Mizuki. Foto und Bearbeitung von Teruaki.

Die Österreicher müssen wieder zurück nach LA fahren, also gesellen wir uns alle zu einem gemütlichen Abendessen zusammen; inzwischen ist es zehn Uhr nachts. Ich zeige ihnen noch schnell eine DVD-Kopie von “Terminated” (wer es sehen will, muss nach LA kommen oder meine Eltern in Wien heimsuchen). Untypisch für uns amerikanisierte Warmduscher stellen wir die Autos beim Motel ab und gehen zu Fuss (!) auf Essenssuche.
“Definately not McDonalds or Burger King!”, sagt einer. Gut. Da, ein Vietnamese. Wir gehen rein, echt schöne Atmosphäre. “We are closed”, und wir werden herauskutschiert. Da, ein Mexikaner! Wir gehen rein. Echt cool. Alles Essen kostet 15$+, und wir sind schon wieder draussen. “Maybe this Sushi restaurant?” – Closed. Thailänder, Chinese, noch ein Mexikaner – alle haben zu. Lancaster schläft.

Ganz Lancaster? Nein! Ein kleiner Bungalow widerstrebt dem erdrückenden Imperium der Schlafsucht und wehrt sich unermüdlich. Das Geheimnis? Transfette, MSG, etc – wir wissen wer dieses tapfere Nahrungsmekka nur sein kann: McDonals.
Also gut, dann eben Mäcci.

Als wir – wieder vollgefressen, wir sind jetzt sicher bereits am Zunehmen – zum Motel zurückkehren, hält uns ein Security auf. Ein Sicherheitsmann für ein Motel mit 25 Zimmern? Wtf? Er verlangt IDs, Papiere, Geburtsurkunden – alles, was beweisen wird, dass wir bescheissen. Gut gemacht: Wir haben jeweils für 2 Leute im Zimmer bezahlt, obwohl es jeweils 3 Leute in einem Zimmer sind. Verflucht – das bedeutet, dass wir einen Aufpreis von ganzen 3 Dollar pro blindem Passagier zahlen müssen. Habe ich schon erwähnt, dass alle für ihr eigenes Zimmer und Benzin zahlen? Das nennt man “Doing some low budget project and ripping off your friends and being smart about it” – oder auch “Everyone benefits from the project, so everyone shares the cost”. Ich bevorzuge zweiteres, und bin auch gerne bereit, bei Hirokis nächstem Projekt mein eigenes Zimmer zu bezahlen. Jetzt erstmal fest schlafen, denn morgen müssen wir um 5 raus, damit wir den Sonnenaufgang nicht verpassen.

Sonnenaufgang & Drehschluss um Mittag

Auch wenn wir noch fix und fertig vom letzten Abend sind, geht es um ca. 5:30 aus dem Bett. Ich fahre schon einmal los mit den zwei Mädels, da Hiroki noch ein paar Sachen vorzubereiten hat; Minimal-Gear im Firebird, nicht mal einen Tripod habe ich dabei. Als ich ankomme und mit einer ruckigen Bremsung die sandige Strasse entlangstaube, sieht man gerade den Schein der Sonne am Horizont. “Quickly, get over there!”, rufe ich dem einen Mädchen zu und gebe ihr Anweisungen. Fünf Minuten und drei Einstellungen später habe ich genug. Jetzt die andere – und voila, gerade als ich mit den Vor-Sonnenaufgang-Aufnahmen fertig bin, durchbricht eine kleine Sonnenscheibe die Dunkelheit und wirft oranges Licht auf alles, was sich nicht schnell genug verstecken kann. Hiroki kommt an, wir drehen die Sonnenaufgangsszenen, und kommen dann drauf, dass wir ja noch andere Vor-Sonnenaufgangs-Einstellungen haben. Ich improvisiere und parke meinen Wagen im rechten Winkel zu  den Sonnenstrahlen – dadurch entsteht ein Schattenpool hinter dem Wagen, in dem wir noch kurz die übriggebliebenen Einstellungen drehen.

Screenshot aus meinem 2011 Cinematography Reel - siehe oben. Diese Aufnahme entstand ganz knapp vor Sonnenaufgang.

Screenshot aus meinem 2011 Cinematography Reel - siehe oben. Diese Aufnahme entstand ganz knapp vor Sonnenaufgang.

Gleich nach Sonnenaufgang - da kümmert uns die saukalte Luft nicht einmal mehr.

Gleich nach Sonnenaufgang - da kümmert uns die saukalte Luft nicht einmal mehr.

Ich mit meinen gelben Blumen beim Filmen, kurz nach Sonnenaufgang. Foto von Hiroki.

Ich mit meinen gelben Blumen beim Filmen, kurz nach Sonnenaufgang. Foto von Hiroki.

Die Aussicht ist echt der Hammer.

Die Aussicht ist echt der Hammer.

Wir karren alles auf die Blumenwiese und drehen für noch ca. 2 weitere Stunden – dann sind wir fertig. “We should go look if we  find any additional places!”, meine ich – und da niemand wirklich im Zeitdruck ist (ausser das Motel, das haut uns um 12 Uhr hinaus), fahren wir los. Stationen inkludieren ein grosses Wasserreservoir und der California Aqueduct, der interessanterweise von einer Strasse unterbrochen wird – man sieht einen Fluss auf einem Hügel, der dann plötzlich endet, dann ca. 30 Meter tiefer ein Tal, durch das eine Strasse führt, und ein bisschen weiter wieder einen Fluss am gegenüberliegenden Hügel. Wer in Physik aufgepasst hat, dem sind verbundene Gefässe ein Begriff – cooles Wirkungsprinzip, angewendet auf den Wasser-Hauptlieferanten von Los Angeles.

Unser Kamerakran im Einsatz.

Unser Kamerakran im Einsatz, links Mizuki beim Set-Fotografieren

So ein Hippie-Hiroki...

So ein Hippie-Hiroki...

Ich beim Blumenfressen. Foto von Hiroki.

Ich beim Blumenfressen. Foto von Hiroki.

Unberührte Natur, die wir mit unseren Tänzen ein bisschen zertrampeln. Aber nur ein bisschen.

Unberührte Natur, die wir mit unseren Tänzen ein bisschen zertrampeln. Aber nur ein bisschen.

Eriko hat Schwierigkeiten beim Klettern.

Eriko hat Schwierigkeiten beim Klettern.

Unsere zwei liebreizenden Tanzmariechen; links Misaki, rechts Eriko. Foto von Hiroki.

Unsere zwei liebreizenden Tanzmariechen; links Misaki, rechts Eriko. Foto von Hiroki.

Der California Aqueduct kann über Täler drüberspringen.

Der California Aqueduct kann über Täler drüberspringen.

Jedenfalls haben wir nur noch ca. 40 Minuten übrig, bevor wir fix und fertig ausgecheckt haben müssen beim Motel. Ein Eingeborener erzählt uns von weiteren Blumenfeldern jenseits der Hügel. “Let’s just go!”, sage ich – hoffentlich werfen die Motel-Leute unser Gepäck nicht in den Müll. Rein nach Gefühl schlage ich nach den Hügeln links ein, bleibe bei einer Klippe neben einem verlassenen Bauernhof stehen, klettere die Klippe mit Hiroki hoch und … in der Distanz, ein paar hundert Meter abseits der Strasse, sehe ich Farben. Lila und Gelb, so intensiv, heilige Scheisse. “I’ll quickly go check how it looks like from up close!”,  rufe ich, rutsche den Erdhang hinab, laufe über die Landstrasse, laufe durch ein umgepflügtes Feld, laufe – ich laufe immer, mein ganzes Leben lang, damit ich Zeit spare – und siehe da, das Blumenfeld sieht scheissgeil aus. Der Hammer. “You guys HAVE to come!!”

Ist das ein Blumenfeld, oder nur eine leichte Färbung? Schnell mal näher hingehen...

Ist das ein Blumenfeld, oder nur eine leichte Färbung? Schnell mal näher hingehen...

Tatsache: Ich bin total überwältigt von der Farbpalette.

Tatsache: Ich bin total überwältigt von der Farbpalette.

Nach zehn Minuten sind die Trödler endlich da. Ich sage Hiroki und Teruaki, welche Art von Aufnahmen ich gerne hätte, laufe zurück zu meinem Auto und schnappe Kamerabatterien und mein Handy, rufe beim Motel an, erreiche eine 1-stündige Verlängerung für uns, und laufe zurück zum Feld, werfe meine Kamera an, mache ein paar Aufnahmen mit den anderen, bis wir ordentlich viel Footage haben. “Let’s go, maybe there is more!” -WROOOOMMMM und weiter gehts. Dann, zu unserer Linken, ein paar Täler weiter, ein riesiger Hügel, gesäht mit orangen Blüten. Saugeil. Wir schlagen auf einen Feldweg ein, an dem entlang etwa zwanzig Autos geparkt sind: Dieses Blumenfeld scheint ein Touristen-Hotspot zu sein. Hiroki fährt vor mir, zuerst eine kleine Steigung hoch, dann kommt der richtige Hügel, richtig steil. Er wird langsamer, langsamer, seine Reifen drehen durch. Gut, dass ich Erfahrung im Bezwingen dieser Biester habe – und nebenbei kann ich mir auch noch beweisen, dass mein Auto doch kein Schrott ist – und mit dem angeklebten Auspuff im Radkasten weiche ich brutal zur Rechten aus, ins Gras des Hügels hinein, Vollgas, vorbei am feststeckenden Hiroki, und ganz rauf. Geil.

Diesen Hügel hat der Firebird bezwungen, während Hiroki's Toyota Corolla auf der Strecke blieb.

Diesen Hügel hat der Firebird bezwungen, während Hiroki's Toyota Corolla auf der Strecke blieb.

Wir drehen noch für eine halbe Stunde am Abhang – das inkludiert Überzeugungsarbeit mit Eriko, die sich vor dem Abhang mit ihren dafür ungeeigneten Schuhen fürchtet – und dann nichts wie zurück zum Motel. Just in Time, fünf Minuten vor unserer Deadline geben wir die Schlüssel ab und brauchen keine Overtime Charges zahlen.

Vorm Mittagsessen fahren wir nach Lancaster, um an dem unvergesslichen “Hands Across California” teilzunehmen, ein Vorhaben, bei dem ähnlich wie beim monumentalen und erfolgreichen Vorhaben “Hands Across America” Hände gehalten werden sollen; allerdings nicht wie damals von Ost- nach Westküste, sondern von Sacramento nach San Diego – in diesem Fall, um Community Colleges zu helfen. Etwa eine Million Leute werden erwartet. Zwanzig Minuten vor dem Antelope Valley College sind offensichtlich: Die Aktion ist total schiefgegangen, gerade einmal dreissig Leute stehen hier. In Santa Monica ist es ähnlich, weniger als 100 Teilnehmer gibt es dort – ein Zeichen, dass sich in Kalifornien niemand wirklich um leistbare (ehemals gratis) Bildung kümmert…

Wow, halb Lancaster hat sich vereint um für Bildung und gegen eine halbe Milliarde Dollar Kürzungen zu kämpfen..

Wow, halb Lancaster hat sich vereint um für Bildung und gegen eine halbe Milliarde Dollar Kürzungen zu kämpfen..

Hands Across California - ein gut gemeinter Reinfall.

Hands Across California - ein gut gemeinter Reinfall.

Locationscouting für “Alternative Reality”

Seit ich Hiroki vor fast zwei Jahren kennengelernt habe, schwärmt er unabhörlich von einem Actionfilm, den er drehen will; in den letzten Wochen kristallisierte sich ein Drehbuch für einen Werbefilm heraus, in dem ein paar Kids in ein Videospiel hineingezogen werden und gegen echte Gangster kämpfen müssen; dafür will er eine abgefuckte Hütte in der Wüste finden und sie das Hauptquartier der Räuber machen. Diese Werbung will er dann an Sony oder Nintendo verkaufen. Freitags war ich bereits mit Teruaki bei einem verlassenen Wohnwagen, an den ein verlassenes Haus angrenzte, und heute sollen wir dorthin zurückkehren. Lorena schreibt mir eine angefressene Textnachricht, wann ich denn zuhause wäre und dass ich irgendetwas von Mittag gesagt hätte und angeblich irgendetwas versprochen habe.
“Eeeeehhmmm… I think the location, hm, should we really visit it? We could drive back to LA and dedicate another weekend to finding one. Not sure if this one is good enough”, sage ich zu Hiroki. So eine Lüge, Mann, bin ich ein nettes Weichei, nur weil meine Freundin wegen irgendetwas angefäult ist.
“I think we should check it out! It’s on the way to Gorman anyway, right?” “Yeah, ok!” Ich bin zwar immer noch etwas nervös wegen was-auch-immer-ich-angeblich-versprochen-habe, aber was solls: Dafür hat man ja Freunde, damit man sich nicht von der Freundin zu sehr einspannen lässt… oder so.
(Wem diese 40-jährige Eingezwickte-Eier-Version von mir nicht gefällt, dem empfehle ich die unentschuldbaren Weibergeschichten und Eskapaden jenseits des guten Geschmacks in meinen Auslandszivildienst-Blog)

Genug Herumgeheule: Wir fahren zu jenem verlassenen Wohnwagen, der einige werte Leser an irgendwelche fahrbaren Drogenhochburgen aus irgendeiner Fernsehserie erinnerte. Das Haus daneben ist vollkommen zerstört; der Boden scheint sich verflüssigt zu haben, und neben der dreckigen Matratze sehen wir eine Ratte. “Maybe we can find out who lives here and ask him if we can film here!”
Ich gehe gemeinsam mit Hiroki rund um das Grunstück herum. Nichts, kein Schild mit einer Telefonnummer für Filmnachfragen. Vielleicht weiss der Nachbar etwas? Wir laufen zurück zum Auto, fahren zwei Minuten, bleiben vor einem weissen Tor stehen; wie eine alte Farm in der Sklavenzeit sieht es hier aus.”Do not enter!” und “Keep out!” steht auf den Schildern am Eingangstor. Hiroki zwängt sich zwischen den Zaunlatten hindurch. Shit. Ich folge ihm schnell, mit einer Hand in der Luft winkend, bereit, die zweite hochzureissen, sobald mir ein wahnsinniger Kinderficker-Bauer mit Geheimnissen im Keller und angelegter Schrotflinte auf der Schulter entgegenkommen würde. Der pädophile Bauer bleibt aus. “Hello? Hello, is someone here?”, rufen wir in die Farm hinein. Wir passieren ein zerfallenes Haus, einen halb zerfallenen Wohnwagen und eine Scheune aus löchrigem Wellblech, dessen Dach auf einer Seite lose ist und vom Wind wie Papier aufgehoben wird. Dann ein Haus, das halbwegs bewohnt aussieht, ein paar Autos, die nicht allzu kaputt aussehen. “Hello?”, ruft Hiroki – in dem lustigen, japanischen Akzent, den er einfach nie verlieren wird.

Das Fliegengitter des Hauseingangs wackelt, und heraus kommt ein Mann, um die 50, etwas mollig, mit Brille und grauen Haaren. Eine Narbe schmückt sein sonst sehr freundlich-überraschtes Gesicht. Wo ist die Pumpgun? Wo sind die Blutspuren?
“Hi, what can I do for you?”
Ich will jetzt nix sagen – das ist Hirokis verrückte Idee.
“Hello, we are film students from Santa Monica and looking for an abandoned house to shoot a commercial in. We call it Alternative Reality and we want to sell it to Sony.”

ACH DU SCHEISSE MANN.

Regel Nummer 0 des Hustler-Location Scoutings: Nie sagen, dass man irgendwelche kommerziellen Absichten hat! Hiroki, das weiss doch jedes Kind! Jetzt hat der Typ sicher auch gleich kommerzielle Absichten, er würde so oder so Geld verlangen für ein Filmprojekt auf seinem Grundstück, aber jetzt wo wir plötzlich echt ein Werbeprojekt sind, wird er viel mehr Kohle wollen, und das können wir uns dann nicht leisten, ich meine, das kostet mehrere tausend Dollar für eine Werbefilmcrew, und dann auch noch die ganzen Mehrkosten und Verträge,…

“I don’t have a problem with that.”, sagt der Mann. Ah ja…
WAS?
BITTE?
VERSTECKTE KAMERA?

Ich muss mich wohl verhört haben!
“As long as you guys have production insurance, I don’t have a problem with that.”

Zehn Minuten später hat ihm Hiroki die Idee erzählt, email-Adressen ausgetauscht, wir uns die Gebäude von innen angesehen – echt geil abgefuckt – und verlassen das Gelände. Ich bin vollkommen im Delirium. Wie zum Teufel hat Hiroki das gemacht? Wir haben plötzlich eine Wahnsinnslocation vor Augen, und all das nur, weil er einfach komplett plump nachgefragt hat. Unglaublich. Ich bin total besoffen, auf einem geistigen Level – gedankenabwesend.

Das zerfallene Haus, in dem Hiroki drehen will.

Das zerfallene Haus, in dem Hiroki drehen will.

Gemütliches Wohnzimmer

Gemütliches Wohnzimmer

Holzscheite und halb zerfallene Wohnwägen inklusive.

Holzscheite und halb zerfallene Wohnwägen inklusive.

Ein umgefallenes Plumpsklo muss natürlich auch da sein.

Ein umgefallenes Plumpsklo muss natürlich auch da sein.

In einem weiteren zerfallenen Haus ist der Boden von ca. einem halben Meter Schlamm bedeckt. Wir finden heraus, dass es vor ein paar Jahren eine Überschwemmung in genau diesem Gebiet des Grundstücksgab, und das Haus seitdem leer steht. Tja, das Klo blieb nicht verschont...

In einem weiteren zerfallenen Haus ist der Boden von ca. einem halben Meter Schlamm bedeckt. Wir finden heraus, dass es vor ein paar Jahren eine Überschwemmung in genau diesem Gebiet des Grundstücksgab, und das Haus seitdem leer steht. Tja, das Klo blieb nicht verschont...

Zuhause angekommen in LA verbringe ich dann noch einen netten Abend mit Lorena – was auch immer ich ihr versprochen habe, ist komplett vom Tisch… stattdessen erzähle ich ihr von Hirokis Scheissglück und unserem bald Realität werdendem Projekt in der Wüste, und wie ich dort Director of Photography sein werde, und wie wir Equipment vom SMC ausborgen werden… Und wie immer scheint meine unterbewusste Selbstverherrlichung und Egobegeisterung komplett an ihr vorbeizugehen. Sie dreht sich plötzlich, wie aus einem Tagtraum erwacht, zu mir: “Do you wanna play some Mario on the Wii?”
Aber klar doch. Spielen wir halt Mario.

.

.

Mehr Fotos von Teruaki und Mizuki

Wer mehr Fotos sehen möchte – von Tag 1 wie auch 2 und 3 – kann sich hier auf facebook bedienen … die zwei haben echt teilweise wunderschöne Bilder geschossen, auf jeden Fall einen Blick wert!

http://www.facebook.com/media/set/?set=a.218997258115396.69549.100000153713769 (Teruaki’s Fotos)
http://www.facebook.com/media/set/?set=a.1606662460918.2070770.1666878914&type=1 (Mizuki’s Fotos)

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.