Mit Carrasco ins Gehirn der Zuschauer & Re-Edit von Terminated

Ich zeige “Terminated” in mehreren Etappen im SMC Filmclub, um Feedback von meinen werten und werteren Kollegen zu bekommen. Der Film entwickelt sich weiter, Farbkorrektur und neue AfterEffects-Spielereien kommen dazu, professionelles Soundediting… dann, nach einem Filmclub-Meeting spricht mich Dustin, der Präsident des Filmclubs, an: “You know, Carrasco told me he’d help you with editing your film. He did the same with mine, “No Solace”, and it’s a really good way of getting your film smoother. We met in his office, and switched around a few scenes… it’s really cool, he actually sits down with you in his office hours.” Carrasco ist einer der zwei Filmclub-Advisors, die als beratende und führende Vollzeitprofessoren an unserer Seite stehen.

Hm… ich überlege: Soll ich das machen? Was, wenn mein Film mir dann nicht mehr gefällt? “You don’t have to say yes to all his suggestions – just see where it takes you. I think he has a VERY interesting idea for your film.” “What is it?” “You gotta ask himself.”
Also gut, da lässt mich Dust-in im Staub stehen. Ich spreche Carrasco beim nächsten Filmclub-Treffen an und wir machen uns einen Termin in seinem Büro aus.

Zuerst aber, wer ist dieser Carrasco, warum steht über den nichts am Blog? In Sachen SMC ist er ein Neuankömmling; hat vor etwa einem halben Jahr hier angefangen, nachdem er auf der USC Film School und Los Angeles Film School unterrichtet hat. Sobald er am SMC ankam, wurde er zum Kopf des Filmproduktionsprogramms erklärt – und schnappt damit meinem ehemaligen Professor (unter dessen heraussfordernden Unterrichtstechniken ich mich an “Terminated” herangewagt habe), die Macht weg.
Zuerst war mir das gar nicht recht – ich finde solche “Entscheidungen von Oben” immer ungerecht – aber nach einer Weile habe ich begriffen, warum diee Kommunikationsabteilung des SMC Carrasco diese Position gegeben hat: Er hat einen Indy-Spielfilm namens “The Other Conquest” in Mexiko gedreht, der angeblich Rekordsummen in Mexiko einspielte und ihn dann in den USA in eine interessante Position brachte: Trotz erfolgreicher Ablehnung des mexikanischen Kulturministeriums, den Film zu den Oscars einzureichen (der Film kritisiert das Vorgehen der Spanier und ist damit leicht Regierungsfeindlich), wurde die DGA (Directors Guild of America) auf Carrasco aufmerksam und zwar so aufmerksam – so absurd das auch klingen mag -, dass sie ihm eine Ehrenmitgliedschaft zur DGA verliehen. Neben ihm gab es noch einen zweiten Regisseur, der in diesem Jahr in die Regiegilde als Ehrenmitglied aufgenommen wurde, und zwar Darren Aranovski.

Genug Name-dropping (so nennt man das, wenn man dauernd irgendwelche Celebrities in einem Gespräch als Bekannte erwähnt, um sich Status anzuschaffen) – mein neuer Filmclub-Advisor hat zumindest mehr Ahnung von Film als ich, und scheint relativ viel Erfolg mit dieser Ahnung zu haben, also öffne ich die Wiege, in die ich mein Filmbaby gelegt habe, auf dass wir es ein bisschen frankensteinen werden.

Frankensteining in Carrasco’s Büro – im wahrsten Sinne des Wortes

Ich betrete das kleine Büro am AET-Campus. Carrasco starrt auf seinen grossen iMac, hypnotisiert von Emails – “Just a few minutes”.Zehn Minuten später wendet er sich mir zu. “Did you bring your hard drive?” Oh. Shit. “No … I thought you want to kind of go over the film,  show me weaknesses or so … I didn’t think I should bring the hard drive.”
“All right, we’ll do that next time then. You have a copy of the film?”
Ich finde die DVD in der Ledertasche, die mein Opa vor fast 20Jahren gebaut hat und meine Studienunterlagen damit transportiere. Wir sehen uns den Film noch einmal gemeinsam an. “See, when I saw it in film club, there was this one moment, this one really, really good moment, that you can hang your entire film on, and make it a much stronger emotional experience. You know which moment that is?”
“I have no clue.”
“All right. Now, here is the idea…”
Ich bin gespannt.
“Gerhard and Mr. Wilson, they are lovers. He firing him is not just that, it’s them breaking up. Maybe someone on the workplace found out, Mr. Wilson has to protect his position, so he fires Gerhard. That’s why he says that Gerhard is too dangerous. ‘Terminated’ is actually a gay love story.”

Mir bleibt die Spucke weg. Was?! Das habe ich nichtmal im Entferntesten beim Drehbuchschreiben gedacht, und hätte ich nie im Leben im Film gesehen. Eine schwule Liebesgeschichte? Bei mir rattert alles ganz schnell. Carrasco sieht mich voller Überzeugung an. Shit, was, wenn ich den Film damit komplett verstümmle? Oder generell vermurkse?

“Let me ask you this, Toby: How would you explain your film in a few sentences?”
Puuuuuh … keine Ahnung Mann … über sowas denke ich nicht nach – auch wenn ich sollte…
“Well, it’s a film where a man gets fired, but because time is running backwards first, he gets a second chance to re-live the conversation with his boss, kind of, like, in a parallel universe where some things are changed, like the furniture arrangement, clothing colors and such – and the end of the film is about forgiveness and human connection.”
“See, most people won’t understand that parallel Universe part of your film. They will be confused, and the backwards dialogue will just seem weird to them.”
“Yeah, a few people told me something like that.”
“So, what I would suggest is, keep the backwards part until he enters the office, cut out all the backwards conversation,  and put the forwards action right there.
“Hmmm … that would definately make the film shorter, and yes, if some people don’t understand the concept why time is running in two different directions,  they will just get confused…”, sinniere ich.
“And when the characters are lovers, their connection is much stronger – the audience will feel with them much more.”

Da hat er wohl recht. Mein Gehirn läuft auf Hochtouren, der Entscheidungsfällungstrakt – der für Regisseure das Nummer 1 Gehirnzentrum am Set ist – ist am Glühen; die Entscheidung kann meine Zukunft oder zumindest die Zukunft von “Terminated” stark beeinflussen.
“I liked the film and I think it’s well done, it just needs some tightening, and I think the love story would do the film really well. I’d like to use it as a show film for the SMC production arm when it is finished and show it to a few people in the industry so they can see the quality of work that comes out of SMC.Your film, Dustin’s film, Sam’s film … they are all worth showing.”
Oh, alles klar. Das klingt gut – Leute in der Filmindustrie die meinen Film als Vorzeigefilm sehen? Ich bin dabei. Bing – die Entscheidung: Ich werde einfach eine zweite Version vom Film schneiden, weil Carrasco’s Konzept weit von meinem Originalkonzept abweicht. Je nachdem, welche Version dann besser ankommt, diese werde ich für Filmfestivals benutzen.

Dann mal ordentlich Frankensteinen: Tote, leblose, nonexistente Inhalte an existierendes Filmleben annähen, umschneidern, Organe entfernen und Beine hinzufügen – mal sehen, ob das Monster danach noch mit einem Renderblitz wieder zum Leben erwacht.

Filmverständnis, visualisiert anhand einer Pyramide

Der Re-Edit-Prozess beginnt mit einer kurzen Diskussion. Warum sollten bestimmte Teile herausgestrichen werden? Carrasco  erklärt mir etwas über das Verständnislevel der Zuschauer, welches ich jetzt nach Monaten in meinem Kopf verinnerlicht und erweitert habe: Fügt man Details oder gar ganze Szenen ein, die kaum jemand mitbekommt oder versteht, beeinträchtigt das populäre Potenzial des Films. Ich denke, jeder Filmemacher macht seine Filme in gewisser Weise für Zuschaueraugen, schliesslich ist Film kein autistisches, selbstorientiertes Medium, sondern eines, das die Zuschauer in seinen Bann ziehen soll.

Gewisse Teile in Terminated, wie etwa das Parallelwelt-Konzept kämen nicht genug heraus, um von der breiten Masse der Kinogeher oder Festivaljuries verstanden zu werden. Das liegt nicht daran, dass diese dumm sind, sondern viel mehr, dass die Sprache des Films unterentwickelt ist und die Zuschauer nicht genug erreicht. Man kann sich dabei The Matrix vor Augen führen (meinen Lieblingsfilm) – er ist der beste Film aller Zeiten für mich, nämlich wegen seiner tiefen Philosophie und diesem Universum, das er erschafft; und zwar nicht nur für Philosophiestudenten, sondern auch für Leute ohne Vorbildung in Platos Höhlengleichnis. Die Massentauglichkeit eines Films ist somit (in fast allen Fällen) proportional zu seiner Verständlichkeit. Je komplexer der Film, desto geschickter muss der Filmemacher darin sein, diese komplexen Konzepte in der Filmsprache auszudrücken. Musterbeispiele dieser verständlichen Komplexität sind The Matrix, Butterfly Effect, Inception usw. Donnie Darko beispielsweise ist grenzwertig, weil viele ihn beim ersten Mal anschauen nicht wirklich verstehen.

Natürlich gibt es dann auch Kunstfilme, die absichtlich schwierig zu verstehen sind – diese haben dann aber aus genau jenem Grund meistens wenige tausend Zuschauer und können nie einen globalen Einschlag in die Kultur der Menschen haben, und manche Inhalte können ohne Zögern Künstlermasturbieren genannt werden – hier geilt sich der Filmemacher an seiner Genialität auf, ist aber leider alleine bei der Sache. Um das alles zu verdeutlichen, hier eine Grafik:

Die Filmverständnis-Pyramide: Ein Film kommuniziert auf mehreren Ebenen. Je komplizierter der Inhalt, desto höher die Chance, dass manche diesen Inhalt nicht verstehen oder bemerken, und die Handlung oder Charaktere zunehmend unglaubwürdig werden - der Identifikationsprozess wird geschädigt.

Die Filmverständnis-Pyramide: Ein Film kommuniziert auf mehreren Ebenen. Je komplizierter der Inhalt, desto höher die Chance, dass manche diesen Inhalt nicht verstehen oder bemerken, und die Handlung oder Charaktere zunehmend unglaubwürdig werden - der Identifikationsprozess wird geschädigt.

Nun gibt es ein paar Inhalte in “Terminated”, die in die höheren Stufen der Pyramide angesiedelt sind und von kaum jemandem bemerkt oder verstanden werden. Diese müssen, sofern sie Zeit kosten, raus: Hat man irgendeine Symbolik in einer Szene, die sonst verständlich ist, gibt es keine Probleme mit dem Schnitt und der Filmlaufzeit; nehmen einzelne Szenen, die für den Normalzuschauer nicht verständlich sind, beträchtliche Zeit in Anspruch, ist es an der Zeit, die intellektuellen Missbildungen abzuhacken.

Re-Edit von “Terminated”

Carrasco und ich setzen uns vor seinen Computer; ich an der Maus und der Tastatur, er am Sinnieren. “We should probably use the dark cloth on his suit as a transition from backwards to forwards.”, meint er. Ich teste mal herum, und zwischenspeichere die Final Cut Pro-Datei sicherheitshalber als “Terminated-gay-love.fcp”. Da Filmschnitt immer lange dauert, nehme ich einen Teil der Schnittarbeit mit nach Hause. Carrasco und ich machen eine Liste an Problemzonen, kommen gemeinsam zu einer Lösung, und ich mache dann die Handarbeit auf dem geborgten Macbook von Lorena (ich selbst habe kein Final Cut Pro).

Dann kommt noch eine zusätzliche Änderung: Die Credits des Films, also der Abspann. Ich habe Leute doppelt und vierfach erwähnt – etwa mich selbst für Drehbuch, Regie, Schnitt, VFX, Sound FX und Poster Design. Carrasco bringt mir bei, dass das unprofessionell ist und die Filmfestival-Juries immer gemeinsam Witze reissen, wenn der Regisseur eines Ultra-Low-Budget-Films bei fast jeder Crew-Rolle als Credit steht;

Directed by Hans Müller
Written by Hans Müller
Edited by Hans Müller
Camera by Hans Müller
Lead Role Hans Müller
Crafts Services by Hans Müller

… das sieht ja auch wirklich bescheuert aus. Ich räume also meinen Abspann auf, weiche von meinem kommunistischen Creditsystem (alle Namen in der selben Grösse, niemand hat seinen Namen alleine am Bildschirm) ab und passe mich mehr dem professionellen, etablierten Format an.

So – jetzt ist der Film fast vier Minuten kürzer, eine Szene aus der Mitte ist jetzt auch am Anfang des Films zu finden, das Timing ist leicht unterschiedlich – und als ich das Resultat zeige, bekomme ich überschwänglich positive Rückmeldungen: “I love it, it’s so fast all of a sudden, like, it feels very short!”
Gut so, denn nach solchen Filmen suchen die meisten Filmfestivals, wenn sie ihre Programm-Zeitlücken füllen. Wie ein Re-Edit funktioniert, visualisiert die folgende Grafik:

Die Prinzipien des Re-Edit: Film kürzen, Durchhänger rauswerfen und versuchen, das Niveau und Information so gut wie möglich beizubehalten

Die Prinzipien des Re-Edit: Film kürzen, Durchhänger rauswerfen und versuchen, das Niveau und Information so gut wie möglich beizubehalten

Lösung der Filmverständnis-Pyramide

Das Problem der Filmverständnispyramide ist, dass viele Informationen und Mühe im Schaffensprozess nie beim “Endanwender” ankommen, und damit verschwendet werden. Wenn 95% der Zuschauer ein bestimmtes Stück Information im Film nicht verstehen, welchen Zweck hat diese Information dann; wie kann dieses Problem nun gelöst werden?

Wie auch in der Bildung liegt es am Medium zwischen Information und Konsument, wenn Information nicht absorbiert wird: In einer Mathematikklasse mit genügendem Vorwissen ist es fast immer die unzureichende pädagogische Fähigkeit, abstrakte Inhalte zu lehren und verständlich zu machen, wenn Schüler einen Inhalt nicht verstehen/lernen können.
Im Kino ist es ähnlich – versteht der Grossteil des Publikums einen bestimmten Inhalt nicht, liegt es meistens am Filmemacher und/oder Drehbuchautor, die ihre Geschichte, egal wie komplex, einfach nur unzureichend erzählen können. Die Lösung: Umschreiben, neu fassen, revolutionieren. Die Inhalte besser verständlich machen, ohne an Qualität oder Niveau zu verlieren.

Dabei kann man ruhig die gestufte Erfahrung beibehalten, die erfahrenere oder gebildetere Kinogeher haben können: Sie werden Dinge wahrnehmen, die der Otto-Normalverbraucher nicht sieht. Damit verleiht man dem Film Tiefe, garantiert dass nach mehrmaligem Sehen immer noch Platz für Entdeckungen und Realisationen bleibt und begeht die Hollywood-Sünde nicht: “To dumb it down”, sprich, den Film niveaumässig herabsetzen, damit ihn alle verstehen. Das wichtige ist einfach, dass Schlüsselinhalte für alle verständlich sind, und gewisse Details den erfahreren Kinogehern oder Zuseher vorbehalten sind, allerdings immer noch so gut zugänglich, dass sie entdeckbar sind. So etwa wie in dieser Grafik:

Lösung des Filmverständnis-Pyramidenproblems: Eine gekappte Pyramide mit einer breiteren Basis, die die etappenhafte Erfahrung beibehält.

Lösung des Filmverständnis-Pyramidenproblems: Eine gekappte Pyramide mit einer breiteren Basis, die die etappenhafte Erfahrung beibehält und der breiten Basis einen besseren Zugang zum Film garantiert.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.