Vom Associate’s Degree zum Bachelor: Bewerbung und Aufnahme bei US-Universitäten

Werter Leser, sind auch Sie interessiert am Studium in den USA? Ich war es offensichtlich, und musste ca. 1 Tonne Papierkram durchwühlen und mich durch 1500 unseriöse Webseiten wurschteln, bevor ich zum richtigen Wissensstand kam. Um Ihnen das Leben etwas leichter zu machen, habe ich eine praktisch-handliche Serie an Blogposts geschrieben, die verschiedene Prozesse zusammenfasst und dem deutschsprachigen Weltenbummler seine kostbare Zeit spart.

Heute empfehlen wir vom Tagesmenü:

Nun haben wir die Phase des Associate’s Degree abgehakt – doch was kommt danach? Ein Associate’s Degree ist in Europa keinen feuchten Furz wert; auch in den USA streben die meisten Studenten mindestens ein Bachelor’s Degree an, und “I want to transfer to a 4-year-university” ist Usus am Community College-Campus.

Nachforschung

Das Wichtigste zum erfolgreichen Transfer – sofern man das anstrebt, es gibt ja auch ein paar wenige Alternativen – ist es, nachzuforschen. Hast du genug Zeit und Kohle, bei den Wunschunis vorbeizuschauen, einen Eindruck zu gewinnen, mit Studenten und Professoren und Angestellten zu plaudern? Dann ab die Post.
Liegen die Schulen an der Ostküste und man studiert gerade auf der Westküste, kann das komplizierter werden, und man muss online nachforschen.

Die Websites der jeweiligen Schulen sind ein absolutes Muss zum Transferieren; sie sind voller Informationen über den Aufnahmeprozess, Deadlines usw. usw. Nicht zu vergessen: Oftmals bewirbt man sich für ein Programm innerhalb einer Schule – etwa das Filmprogramm der UCLA – und diese Programme haben separate Bewerbungsunterlagen. Man muss dann doppelt Glück haben: Von der Schule aufgenommen werden, und von dem jeweiligen Programm akzeptiert werden.

Bewerbungsfrist für die meisten US-Universitäten: 1 Jahr vor Studienbeginn!
(Sprich, man bewirbt sich zB. im Oktober 2011 für Studienbeginn im Herbst 2012)

Es gibt dann noch Websites von Wunderkindern und Alumnis, die ihre Erfahrungen teilen möchten, eine gute und empfehlenswerte Ressource ist zB. From Hopeless to Harvard – Blog eines Ex-Stanford-Studenten, der auch auf Harvard aufgenommen wurde und seine Leser über den Aufnahmeprozess informiert und 100 erfolgreiche Bewerbungen katalogisiert hat.

Vorbereitung, Essays, Recommendation Letters, Common App und Bürokratie

Jede Universität hat ihre eigenen Aufnahmekriterien; um es Studenten leichter zu machen, haben ein paar wohlwollende Menschen die Common App erfunden, die von den meisten Universitäten akzeptiert wird (und dann von zusätzlichen Materialien unterstützt werden muss. Manche öffentliche Universitätssysteme – dazu zählen das CalState- und das UC-System – haben ihre eigenen unifizierten Aufnahmeformulare. Das Schöne an allen diesen Formularen: Sie sind online auszufüllen und online einzusenden; minimaler Papierkram mit maximaler Bequemlichkeit. In diese Online-Bewerbungen kommen dann alle möglichen Informationen: Akademische Geschichte, Noten und Daten von einzelnen Klassen, die man schon zuvor (zB. am SMC) genommen hat, Persönliche Daten, manchmal auch Aufsätze, Auflistungen von ausserchulischen Aktivitäten und Erfolgen usw. – eine Menge Zeug, bei dem man sich selbst immer gut aussehen lassen kann und muss.

Die “Supporting Materials” sind dann persönlichere Dokumente, etwa Empfehlungsschreiben von Lehrern, die man gehabt hat, oder 500-Wörter-Essays über das eigene Leben, die alle nur eine Frage beantworten sollen:

“Warum sollen Sie mich in Ihre Universität aufnehmen?”

Komplikationen sind Normal, Vorbereitung ist alles und Stress angeblich gut für die Magensäure

Da wird es dann kompliziert – Aufsätze müssen perfektioniert werden, Empfehlungsschreiben persönlich klingen und fokussiert sein, andere Aufnahmeformulare fehlerfrei ausgefüllt werden usw. usw.

Das Ganze wird dann so kompliziert, dass jedes Community College oftmal ein eigenes Gebäude oder eine eigene Abteilung hat, die sich ausschliesslich darum kümmert, Studenten beim Transfer zu helfen und ihre Aufsätze konstruktiv zu kritisieren, ihnen die Deadlines vor Augen halten usw. usw. – es gibt über das gesamte Jahr hinweg unzählige Workshops, in denen man “Gute Essays schreiben” lernt, oder über “How to get admitted to UCLA” hören kann, “How to avoid common application mistakes” – kurz gesagt, wenn man sich ein klein bisschen anstrengt, früh genug anfängt und die Counselors und Workshops aufsucht, kann man wenig falsch machen.

Link: Transfer /Counseling Center am SMC

In meinem Fall gibt es nur ein Problem: Woher die Zeit nehmen? Ich schreibe den Blog, studiere, mache Filme, Fotografie, habe eine Freundin, muss mir mein Leben durchorganisieren und jetzt soll ich ein komplett neues Gebiet – Universitätsbewerbungen – angreifen? Ach du scheisse. Mir geht es dann so wie fast allen US-Studenten, die transferieren wollen oder sich zum ersten Mal bewerben: Man fängt nicht 1.5 Jahre vor dem Studienbeginn mit dem Transferprozess an, sondern erst 1.1 Jahre davor – und die Deadline ist dann in einem Monat.
“Could you write me a recommendation letter, Professor Magensäure?”
“Of course Toby, you were a great student – until when do you need it?”
“Like, in two days?”
(Magensäure stösst Magensäure auf und kotzt in den nächsten Mistkübel)

Stress ist Gang und Gebe im Transferprozess – ich kann jedem nur dringlichst empfehlen, früh anzufangen; je früher, desto besser – Wissen über den Transfer oder die Bewerbung geht nicht verloren sondern prägt sich ein, und Empfehlungsschreiben werden üblicherweise besser, wenn der Professor ein bisschen mehr Zeit dafür hat, sie zu verfassen.

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Sie sehen schon, lieber Leser: Allein die Bewerbung ist ein monatelanger Prozess. Ich besuche einige Workshops gemeinsam mit Lorena, recherchiere online zusammen mit ihr und wir schreiben unsere UCLA-Bewerbungsformulare zusammen.

UCLA, USC, CalState Long Beach und Bewerbungsdynamiken

Generell: Man bewirbt sich für eine Universität (die einen Bachelor-Abschluss hat) – für eine Studiendauer von 2 oder 4 Jahren, je nachdem ob man bereits 2 Jahre in den USA studiert hat (wie etwa ich am Santa Monica College, einem 2-jährigen Community College mit Associate’s Degree als Abschluss). Ich bewerbe mich also für UCLA, USC und CalState Long Beach. Jede Bewerbung kostet 50 Dollar. Warum gerade diese Unis?

  • UCLA ist eine renommierte öffentliche Universität im UC-System, die als eine der weltweit besten Filmschulen gilt. Angeblich ist die Undergraduate-Sektion (Bachelor’s) eher theoretisch aufgebaut, und die Graduate-Klassen (Master’s Degree) sind eher praktisch ausgerichtet und haben mehr Studioeinrichtungen und Equipment zur Verfügung. Kostenpunkt: ca. 35.000$ pro Jahr.
  • USC ist eine Privatuniversität, die ebenfalls als eine der besten Filmschulen weltweit gilt – teurer als die UCLA, mit mehr Profitgedanken, aber spuckt konsistent grossartige Filmemacher wie etwa George Lucas und Robert Zemeckis aus – die dann alle relativ verfügbar im eng gestrickten Alumni-Zirkel bleiben. Angeblich die  Universität, auf der man die besten Kontakte für spätere Karrieren in Hollywood sammelt. Kostenpunkt: Ca. 42.000$ pro Jahr.
  • CalState Long Beach ist eine öffentliche Universität, die für internationale Studenten um einiges billiger als die beiden oben genannten ist – kostet etwa die Hälfte, fast so “wenig” wie das SMC -, hat eine gute Vergangenheit (Steven Spielberg hat hier Film studiert, nachdem er von der USC abgelehnt wurde) und scheint das beste und progressivste Filmprogramm im CalState-System zu haben. Kostenpunkt: Ca: 16.000$.

Vom SMC bin ich es bereits gewohnt, dass man bei der Anmeldung finanzielle Sicherheit bestätigen muss. Wird man aufgenommen, muss man einen Bankauszug vorweisen, auf dem mindestens die Studienkosten und Lebenserhaltungskosten für Los Angeles zusammen enthalten sind. Die Universität benötigt den Bankauszug für die US-Einreisebehörde, um nachzuweisen, dass die Person finanziell gestützt wird und nicht nach illegaler Arbeit in den USA sucht und Amerikanern ihre Arbeitsplätze klaut.
Bei der Bewerbung zur USC bemerke ich, dass sie einen Bankauszug von über 50.000$ gemeinsam mit den Bewerbungsunterlagen haben wollen – ich soll also Geld herumüberweisen und allerlei horrende Spesen dafür zahlen, nur damit eure Herrlichkeit mich für eine Anmeldung in Betracht ziehen werden? Sicher nicht – und ich sende meine Bewerbung ohne Kontoauszug weg.

Screenshot der CSULB (California State University Long Beach) Online-Application

Screenshot der CSULB (California State University Long Beach) Online-Application

Screenshot der USC (University of Southern California) Online-Application

Screenshot der USC (University of Southern California) Online-Application

Screenshot der UCLA (University of Californi, Los Angeles) Online-Application

Screenshot der UCLA (University of Californi, Los Angeles) Online-Application

Eine Bewerbung nach der anderen; zuerst fahre ich mit vier aufgeregten Freunden vom SMC zur UCLA und wir reichen unsere Bewerbungen zusammen ca. 1 Stunde vor der Deadline ein; dann reiche ich meine Bewerbung per Internet und Telefon bei der USC ein, und dann sende ich meine Online-Bewerbung zur CalState Long Beach ab.
Das lange Warten beginnt – fragen Sie einen x-beliebigen Studenten in den USA, lieber Leser, und Sie werden immer dieselbe Antwort hören: Das waren die zittrigsten vier Monate meines Lebens.
Und das kann durchaus der Wahrheit entsprechen: In den USA ist es so unheimlich wichtig und prestigeträchtig, auf eine gute Universität zu kommen, dass viele glauben, die Wahl der Universität wird über Karriereleben und -Tod bestimmen.

Warten und Warten

Mehrere Monate lang erhalte ich immer wieder Briefe von der USC – “Bitte senden Sie uns Ihren Bankauszug mit mindestens einer Trillion Dollar”. Das ist wohl ein schlechter Scherz – ich lasse mich doch nicht dazu herab, riesige Mengen an Geld herumzubewegen und meine Eltern für solche Summen zu bitten, bloss um eine Antwort von einer der renommiertesten Filmschulen der Welt zu bekommen. Dann kommt ein Brief in der Post, auf der “last warning, your bank statement is required” steht. Ich ignoriere die letze Warnung.

Von der UCLA höre ich in der Zwischenzeit nichts, während Hiroki und Mustafa, zwei meiner Studienkollegen, zu einem Interview bei der UCLA Film School gebeten werden. Ebenfalls preislich unerreichbar, aber warum werden sie eingeladen und ich nicht? Mein Aufsatz war herzzerreissend, meine Kredenzen sind gut, meine Frisur toll und die Fotos, die ich unerlaubterweise beigelegt habe, sollten die Jury doch alle überzeugen. Doch, auch ein paar Wochen später, höre ich nichts von der UCLA, und das Kapitel wird vorerst abgeschlossen.

Überraschung!

Dann bekomme ich einen dicken Brief in der Post. “University of California” steht drauf. Ich ziehe so viel Post aus unserem Postkasten, dass ich mich überwältigt in die Badewanne fallen lasse. Das Badezimmer ist voller Dampf, der Spiegel angelaufen, die Briefe über den Boden verstreut – und das Paket von der USC in meiner Hand. Haben sie mir eine “try next year”-Benachrichtigung geschickt? 30 Zettel, auf denen “show us your bank information” steht?
Zelebratorisch öffne ich das Kuvert, und siehe da – “WELCOME TO THE TROJANS”.
Das ist natürlich geil. Obwohl sie mir hundertmal gesagt haben, dass sie meine Kohle sehen wollen, bekomme ich jetzt eine Zusage – ohne Geld herumschieben zu müssen. Vorerst, denn irgendwie muss ja für diese Uni gezahlt werden…

"Welcome to the Trojan Family" - eine willkommene Überraschung, nachdem mir monatelang vorgehalten wurde, ich müsste mein Bankkonto herzeigen...

"Welcome to the Trojan Family" - eine willkommene Überraschung, nachdem mir monatelang vorgehalten wurde, ich müsste mein Bankkonto herzeigen...

Noch in der Badewanne rufe ich Lorena ganz aufgeregt an – als ich dann eine Stunde später bei ihr vorbeikomme, fällt sie mir jubelnd und gratulierend um den Hals und schenkt mir rote und gelbe Luftballons- und einen Ballon, der aussieht wie eine Slate (Filmklappe).

Die USC-gefärbten Luftballongeschenke von Lorena - inklusive Filmrolle und Filmklappe.

Die USC-gefärbten Luftballongeschenke von Lorena - inklusive Filmrolle und Filmklappe.

Ich mit dem Aufnahmebrief der USC

Ich mit dem Aufnahmebrief der USC

Zusammenfassung der Application

Diese Dinge muss man erfüllen und herausfinden/zusammenstellen, um sich zu bewerben – jetzt in der Kurfassung:

  • Online-Application
  • Auflistung aller bisher belegten Klassen (welches Semester, welche Klasse, welche Anzahl an Units, welche Note)
  • Persönliches Essay
  • Kritisches Essay (Filmkritik)
  • Department-spezifisches Essay (zB für die Filmschule)
  • 2-5 Recommendation Letters
  • Offizielle Zeugnisse von der zuletzt besuchten Schuleinrichtung (englisch)
  • USC: Portfolio in Form von Fotografien + einem 5-minütigen Film (in meinem Fall: Musikvideoartige Kürzung vom 15-minütigen “Terminated”)
  • UCLA: Writing Sample in Form eines 10-Seitigen Drehbuchs, Storyboards oder vergleichbaren kreativ-schriftlichen Werken

Mein persönliches Essay, das ich zur Bewerbung benutzt habe – und das mir die Tore der USC geöffnet hat -, wird im nächsten Blogpost veröffentlicht.

PS: Anmerkung&Appendix von einem werten Leser namens “RobertKist”:

Unbeding noch dazu schreiben: AKKREDITIERUNG checken! Besonders wichtig wenn man an billigeren und weniger bekannten Unis studieren will. In Amerika kann sich nämlich JEDE firma Universitaet nennen und ein Degree hergeben.
Das Degree ist aber nur etwas wert wenn es auch von anderen Unis und der Industrie anerkannt wird. Deshalb gibt es Akkreditierungsorganisationen (darunter gibt es nun auch wieder schwarze Schafe). Normalerweise sind ordentliche Unis bei mehreren Organisation akkreditiert, und diese Organisationen sind dann z.b. auch von diversen Interessensverbaenden und Firmen (=zukuenftige arbeitgeber) anerkannt.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.