Mein letztes Projekt als Director of Publicity: The AS Stronghold

Als Director of Publicity kann man schon einiges erreichen – doch wie immer in der Politik, wenn man nicht genug Feuer unterm Hintern hat und von Anfang an versteht, dass sich alles verzögern wird, lässt man sich ein bisschen zu viel Zeit – und hat dann schlussendlich keine mehr. Ich bin ja erst später im dritten Semester zum Publicity-Director für die Associated Students geworden und hab allerlei Studentenregierungs-Konferenzen besucht bzw. alle möglichen Sachen organisiert wie etwa die 165 Studenten nach Sacramento zu bringen.

Jetzt ist mein zweites Studienjahr am SMC fast beendet, ich habe mich bei drei Unis beworben und wurde bei zwei aufgenommen – aber das bedeutet für mich nicht, dass ich mich jetzt zurücklehnen kann; sondern das bedeutet, Zeit für den Endspurt. Über die letzten zwei Jahre hinweg habe ich vieles am SMC gesehen und beobachtet, habe gelernt und Probleme gefunden, Lösungen vorgeschlagen und fantasiert – und eine dieser Lösungen dauerte jetzt schon eine ganze Weile, um in die Tat umgesetzt zu werden, nämlich…

The AS Stronghold

Als Regierung im Mittelalter hatten die Könige und Fürsten immer prächtige Schlösser mit grossen Toren und wehenden Fahnen; heute haben die “echten” Regierungen  auch grosse Gebäude mit wehenden Fahnen; grosse Firmen haben grosse Gebäude mit grossen Logos und den Firmenfarben. Und die Studentenregierung vom SMC? Hat das nicht. Für mich ist das einer der Gründe, warum Studentenregierungen so unpopulär sind bzw. so wenige Studenten am Campus sich damit auseinandersetzen oder davon wissen: Weil die Studentenregierungen unsichtbar sind. Das ist wohl ein Phänomen, dass es schon seit jeher gegeben hat: Wenn etwas unsichtbar ist, wird sich kaum jemand damit befassen – ausser die, die aktiv suchen.

Ich habe damals aktiv gesucht und gefunden, aber ich kann das nicht von allen anderen Studenten verlangen. Ich als Director of Publicity muss meine Aufgabe wahrnehmen und unseren Konstituenten ihre Regierung und Vertretung präsentieren, in kleinen, verdaubaren Häppchen, sodass alle Studenten am Campus davon wissen.

Am Anfang des Jahres machte ich eine Liste von Dingen, die wir tun könnten – nur wenige dieser Listenpunkte wurden erfüllt, weil alles Zeit braucht; einer der wichtigsten Punkte war die AS Stronghold, eine Festung, die der Studentenregierung gehörte, mit wehenden Fahnen und unseren Farben darauf. Von vergangenen Projekten her lernte ich aus Vinyl gefertigte Banner (halb unkaputtbar) lieben, und so entschloss ich mich, die AS Stronghold mit einem Haufen Vinylbanner auszustatten; jedes Banner zu einem bestimmten Bereich der Vorteile, die die AS-Mitgliedschaft bringt.

Die AS-Mitgliedschaft ist freiwillig (man kann sich jederzeit abmelden und sein Geld zurückverlangen), kostet 20$ pro Semester und unsere einzige Einkommensquelle – aus den Mitgliedschaften springen jährlich ca. 1,2 Million  Dollar heraus, bei einem  Campus mit ca. 30.000 Studenten. Die Sache ist aber die – die Uni bekommt weniger Geld vom Staat, drastisch weniger in den nächsten Jahren, und teure Projekte wie z.B. die gratis Busfahrt mit dem BigBlueBus-System für alle Studenten (Kostenpunkt: Ca. 1,2 Millionen Dollar, die Hälfte zahlt das SMC, die andere die Studentenregierung) sind daher in ihrer Finanzierung gefährdet. Die Lösung: Weniger Abmeldungen von der AS-Mitgliedschaft. Warum melden sich Leute ab? Weil sie die Vorteile nicht gut genug kennen und sich denken, sie können einfach mal 20$ sparen. Und genau dort liegt die Wurzel des Problems – die Information ist nicht zugänglich genug.

Sie merken also, werter Leser, dass die gesamte Finanzierung einer Regierung ins Wackeln kommen kann, wenn die Öffentlichkeitsarbeit nicht ordentlich oder mit den falschen Massnahmen durchgeführt wird – jeder, der die Bedeutung von Kunst unterschätzt, sollte sich noch einmal fragen, was Kunst in unserer heutigen Zeit für eine Bedeutung in der Werbung hat.

Die Benefits-Liste bei der SMC-Kassierstation. Hier bezahlen Studenten ihre Gebühren und können sich auch von den Associated Students abmelden. Als Aufhänge-Werkzeug habe ich Photo-Lichtständer benutzt.

Die Benefits-Liste bei der SMC-Kassierstation. Hier bezahlen Studenten ihre Gebühren und können sich auch von den Associated Students abmelden. Als Aufhänge-Werkzeug habe ich Photo-Lichtständer benutzt.

In einem früheren Projekt – die AS-Benefit-Listen-Banner – habe ich grosse Banner neben den Kassieren am SMC aufgestellt, sodass Leute sich es “noch einmal überlegen” können, bevor sie sich abmelden. Jetzt will ich es gar nicht mehr dazu kommen lassen: Schon am ersten Studientag sollen alle Studenten herausfinden, wer die “AS” sind, und was sie jedem einzelnen Studenten bringen. Wie geht das?
Ganz einfach: Fast jeder Student findet die Cafeteria am ersten Tag, und zwar weil sie danach suchen – und weil sie deutlich mit roten Türen markiert ist. Ich muss einfach nur etwas schaffen, das Leute schnell visuell aufnehmen können, auf einem prominenten Platz, wo fast alle Studenten vorbeigehen. Glücklicherweise steht das  Cayton Center, in dem die Studentenregierung haust, direkt in der Mitte des Studentengewusels, und glücklicherweise ist die Cafeteria im ersten Stock dieses Gebäudes.

Design

Die wichtigsten Designspezifikationen:

  • Unsere Farben – Blau-Violett, und Weiss müssen das Poster definieren.
  • Unser AS-Logo muss prominent zu sehen sein
  • Der Text und Bildinhalt muss simpel und schnell verständlich sein

Mit diesen Spezifikationen garantiere ich den Wiedererkennungswert, eine deutliche “Corporate Identity”, die der A.S. am SMC vor meiner Dienstzeit gefehlt hat; ständig wechselnde Fonts, Farben und Designs sorgten damals in meinen Augen nur für Verwirrung.

Hiroki designt die meisten Banner für mich, ich erledige die übrigen. Der Designprozess zieht sich durch unsere engen Zeitpläne stark in die Länge, und ich habe die einstimmige Bewilligung für die Finanzierung des Projekts schon seit Wochen von meinen Kollegen bei der Studentenregierung. Endlich sind sie dann fertig, und ich bestelle ca. 20 Banner im Wert von 750$. Das ist eher wenig verglichen mit Budgets für weitaus kleinere Projekte, die weitaus weniger wirksam waren.

Hung

Als die Banner ankommen, sind nur noch wenige Studientage übrig, gerade mal eine halbe Woche, und meine Graduation ist schon so gut wie passiert; mit Lorena gemeinsam schnappe ich mir zehn Banner und einen Haufen Plastikschnüre – und in ein paar Stunden sind die Banner dann aufgehängt, rund um die neu definierte AS Stronghold. Nun sieht das Cayton Center nicht mehr nach “einem Gebäude” aus, sondern nach einem Hauptquartier, und zwar nach unserem Hauptquartiert. Und so wird es auf die Studenten wirken – das ist ihr Hauptquartier, hier können sie um Hilfe suchen, hier können sie Vorschläge einbringen, hier können sie vertreten werden.

Lorena und ich hängen Banner an die Rückseite des Cayton Centers, gut sichtbar für alle vorbeilaufenden Wissenschafts-Studenten.

Lorena und ich hängen Banner an die Rückseite des Cayton Centers, gut sichtbar für alle vorbeilaufenden Wissenschafts-Studenten.

Direkt am Eingang prangt nun ein Banner, auf dem steht "We are here to serve you" - einen Slogan, den ich seit Beginn des Jahres immer wieder wiederholt habe.

Direkt am Eingang prangt nun ein Banner, auf dem steht "We are here to serve you" - einen Slogan, den ich seit Beginn des Jahres immer wieder wiederholt habe.

Weitere Banner am SMC Campus...

Weitere Banner am SMC Campus...

Die Banner sehen noch etwas wacklig und zerknittert aus – also gebe ich einen Arbeitsauftrag für das “Grounds”-Department am SMC auf; sie sind die Installateure, Gärtner, Mechaniker usw. die für das College Vollzeit arbeiten, und sie können die Banner besser einspannen und mit Gewichten versehen.

Als ich dann viele, viele Wochen später vorbeikomme, sehe ich, was das Grounds-Department (die ich üblicherweise als weniger verlässlich und mit einer gewissen Wurschtigkeit kenne) getan hat, was mich sehr berührt: anstatt die Poster einfach zu beschweren und ein bisschen besser einzuspannen, haben sie kleine Plastik-Abflussrohre abgesägt, die Banner damit oben und unten versehen und die übriggebliebenen Banner über den ganzen Campus verteilt – hängend auf Palmenbäumen, mit den Rohren leicht um den Baum herumgebogen. Genial.

Ich komme zurück auf den Campus - und da hängen sie, strahlend und besser als je zuvor.

Ich komme zurück auf den Campus - und da hängen sie, strahlend und besser als je zuvor.

So viele Benefits für gerade mal 20 Dollar - und damit sind wir eine der teuersten Studentenregierung aller kalifornischen Community-Colleges.

So viele Benefits für gerade mal 20 Dollar - und damit sind wir eine der teuersten Studentenregierung aller kalifornischen Community-Colleges.

Hier kommt das Gefühl einer Festung ins Spiel - viele Banner, aber gerade mal so viele, dass es nicht überladen wirkt.

Hier kommt das Gefühl einer Festung ins Spiel - viele Banner, aber gerade mal so viele, dass es nicht überladen wirkt.

Ermässigte Kinotickets - von denen 95% aller Studenten nichts wissen... hoffentlich ändert meine Kampagne das. Man bemerke die geniale Idee mit den Mini-Abflussrohren oben und unten am Banner.

Ermässigte Kinotickets - von denen 95% aller Studenten nichts wissen... hoffentlich ändert meine Kampagne das. Man bemerke die geniale Idee mit den Mini-Abflussrohren oben und unten am Banner.

Gratis Busfahren für ein ganzes Semester, für gerade mal 20 Dollar.

Gratis Busfahren für ein ganzes Semester, für gerade mal 20 Dollar.

So sehen die fixierten Banner aus - super lesbar.

So sehen die fixierten Banner aus - super lesbar.

Jetzt hat der Campus ein anderes Bild; ein Bild, bei dem es unmöglich ist, die Präsenz der Studentenregierung jeden Tag zu merken und vor Augen zu haben. Mission accomplished.

About the Author

Tobias Deml is an Austrian Filmmaker and Visual Artist. 2012 Cinematography Reel: http://vimeo.com/53973421 Tobias Deml ist ein österreichischer Filmstudent und Möchtegernregisseur in Los Angeles. Er arbeitet derzeit als Kameramann in Los Angeles und popelt in seiner Nase.